Wie sollen wir Fremdsprachen und Literaturen im 21. Jahrhundert unterrichten? – Interdisziplinäre Konferenz an der Universität Bielefeld

Unter dem Titel "Standards – Margins – New Horizons" trafen sich am 4. und 5. April 2019 etwa 40 Experten aus Wissenschaft und Schule an der Universität Bielefeld, um sich über Zukunftsfragen der Fremdsprachendidaktik auszutauschen: Wie soll Fremdsprachen-Unterricht im 21. Jahrhundert gestaltet werden? Welche neuen Standards sind nötig? Und welche Schnittstellen finden sich zwischen den Neuen und Alten Sprachen?

Tagung Fremdsprachendidaktik in Bielefeld

Organisator*innen, Referent*innen und Hilfskräfte der Konferenz "Standards Margins New Horizons"

© Charlotte Forrer

Von Jochen Sauer, Peter Schildhauer und Julia Schweitzer

Um diese Fragen interdisziplinär diskutieren zu können, richteten die Bielefelder Anglistik und Latinistik die Konferenz gemeinsam aus. Dabei wurden die Fragen stets vor dem Hintergrund beleuchtet, auf welche Weise Lernende auf die zunehmend komplexen kommunikativen Herausforderungen, die eine kulturell diversifizierte Welt bietet, vorbereitet werden können und wie gleichzeitig einer (wachsenden) Heterogenität von Lerngruppen Rechnung getragen werden kann.

In vier verschiedenen Sektionen mit insgesamt 21 Referentinnen und Referenten wurden im Anschluss an Impuls- bzw. Forschungsvorträge intensive Diskussionen geführt. Hier erfüllte sich eines der Hauptziele der Tagung, da die meist getrennt arbeitenden Neu- und Altphilologien sowie Akteure der Sprachlichen Grundbildung und Musikdidaktik in einen gemeinsamen Dialog traten.

In der Sektion I zu heterogenen Ausgangslagen im Bereich Sprachbildung stellte sich heraus, dass Neu- und Altphilologie zur Erfassung von Lernausgangslagen gleichermaßen mit psycholinguistischen Methoden arbeiten und auf dieselben Modelle des Spracherwerbs zurückgreifen. Das Fach Latein lässt sich insbesondere zur Förderung von Sprachkompetenzen im Deutschen unabhängig der Herkunftssprache der Schülerinnen und Schüler nutzen.

Tagung Fremdsprachendidaktik in Bielefeld

Keynote-Vortrag von Laurenz Volkmann zu didaktischen Antinomien im Fremdsprachenunterricht

© Charlotte Forrer

Die Sektion II widmete sich der sprachlichen Heterogenität als Reflexionsgegenstand. Sowohl in Anglistik als auch Latinistik ist eine Hinwendung zur sprachlichen und kulturellen Variabilität der Zielsprachen erkennbar. Während im Fach Englisch diese Wendung bereits curricular, in Forschungsprojekten und vereinzelten Lehrmaterialien sichtbar ist, macht sich das Fach Latein derzeit engagiert auf den Weg.

Die dritte Sektion beschäftigte sich mit Multi- und Digital Literacies als Bildungsgegenstand, da Literalität nicht auf Texte beschränkt ist. In den Diskussionen wurde deutlich, dass die Anglistik den iconographic turn vollzogen hat und der digital turn gegenwärtig erfolgt. Die Latinistik kann sich in ihrem Fachprofil gut anschließen, zumal auch die antike Kultur durch unterschiedliche Medialitäten geprägt war.

Der Austausch in Sektion IV, der Diversität als Bildungsgegenstand thematisierte, zeigte, dass Neue Sprachen auf ein Verstehen und ein souveränes Bewegen in fremder Kultur zielen. In den Alten Sprachen ist die fremde Kultur ein Reflexionsraum, in dem Probleme, die für die Gegenwart relevant sind, paradigmatisch oder exemplarisch verhandelt werden. Gemeinsam ist beiden Fachtraditionen das bevorzugte Aufsuchen von Neutral Spaces, in denen ein Thema oder Problem unvoreingenommen behandelt werden kann.

Die Arbeit in den Sektionen wurde neben anderen Programmelementen zudem von einer Postersession mit Beiträgen von Studierenden zum Thema interkulturelle kommunikative Kompetenz gerahmt. Als allgemein anschlussfähig erwies sich die zentrale Keynote Laurenz Volkmanns von der Universität Jena, in der Helspers Konzept der Antinomien des Lehrerhandelns auf die Begegnung mit literarisch-kulturellen Artefakten ausgeweitet wurde.

Die Konferenz lieferte wichtige Impulse für die Verortung und Ausrichtung der Teilmaßnahme "Inklusive Fremdsprachenfachdidaktiken", die in der zweiten Förderphase des Bielefelder Projektes in der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung", BiProfessional, von Peter Schildhauer (Anglistik), Jochen Sauer (Latein) und Bettina Amrhein (Allgemeine Didaktik) geleitet wird.

In nahezu allen Beiträgen schwang die Frage nach alten bzw. neuen Kanones für den Unterricht im 21. Jahrhundert mit. Eine Folgetagung soll dieses Themengebiet 2021 ins Zentrum rücken.