Training sozial-emotionaler Kompetenzen für Master-Lehramtsstudierende der Universität zu Kiel – auch online erfolgreich

Kann ein interaktives Training erfolgreich in ein digitales Format überführt werden? Dieser Herausforderung stellten sich Dr. Michaela M. Köller und Dr. Bastian Carstensen gemeinsam mit Master-Lehramtsstudierenden der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und gestalteten ihr Training sozial-emotionaler Kompetenzen im vergangenen Sommersemester erstmals online. Das Feedback der Studierenden zeigt, dass sich ein digitales Format durchaus eignet und zusätzlich einige Vorteile bietet.

Lehramtsstudent Moritz Schuler absolvierte im Sommersemester 2020 das Training sozial-emotionaler Kompetenzen: Videobasierte Rollenspiele in Tandems ermöglichten eine praktische Erprobung des Wissens.

Lehramtsstudent Moritz Schuler absolvierte im Sommersemester 2020 das Training sozial-emotionaler Kompetenzen: Videobasierte Rollenspiele in Tandems ermöglichten eine praktische Erprobung des Wissens.

© Moritz Schuler

Von Michaela M. Köller, Bastian Carstensen, Moritz Schuler und Lou Keil

Empirische Untersuchungen zeigen, dass die soziale Interaktion mit Schülerinnen und Schülern ein zentrales Thema für Lehrkräfte darstellt. Mängel in der Gestaltung dieser Interaktionen wirken sich negativ auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler und das Wohlbefinden aller Beteiligten aus. Gelingende Interaktionen hingegen sind eine Ressource, die mit positivem emotionalen Erleben assoziiert ist und sich im Unterrichtserfolg niederschlägt. Häufig prägen allerdings Schwierigkeiten in der Interaktion mit den Schülerinnen und Schülern den Alltag von Lehrkräften.

Es ist daher wichtig, angehenden Lehrkräften das nötige Wissen sowie Handlungskompetenzen für den Umgang mit den sozialen Herausforderungen ihres beruflichen Alltags zu vermitteln. Eine Grundvoraussetzung für gelingende Interaktionen ist die sozial-emotionale Kompetenz mit ihren Kernbereichen "Wissen über Emotionen", "Regulation von Emotionen" sowie "Soziale Fähigkeiten".

Studierende beim Aufbau sozial-emotionaler Kompetenzen unterstützen

Michaela Köller und Bastian Carstensen haben das Training zur Verbesserung der sozial-emotionalen Kompetenzen im Unterricht für Lehramtsstudierende konzipiert und führen es durch.

Michaela M. Köller und Bastian Carstensen haben das Training zur Verbesserung der sozial-emotionalen Kompetenzen im Unterricht für Lehramtsstudierende konzipiert und führen es durch.

© Bastian Carstensen/IPN Kiel

Um die Lehramtsstudierenden der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) beim Aufbau ihrer sozial-emotionalen Kompetenz zu unterstützen, wurde ein entsprechendes Training von Dr. Bastian Carstensen und Prof. Dr. Uta Klusmann vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) gemeinsam mit Dr. Michaela M. Köller von der CAU konzipiert, zunächst finanziert vom Präsidium der CAU im Rahmen des Graduiertenprogramms "Lehramt in Bewegung an der CAU".  

Das Training ist für die Durchführung innerhalb eines Hochschulsemesters konzipiert (dreizehn 90-minütige Sitzungen) und fokussiert die Kernbereiche der sozial-emotionalen Kompetenz. Der Bereich "Wissen über Emotionen" schafft die theoretische Basis für den gesunden Umgang mit Ereignissen, die Emotionen hervorrufen. Der Bereich "Regulation von Emotionen" führt Emotionsregulationsstrategien ein und thematisiert deren Anwendung auch während des Unterrichtens. Zusätzlich wird eine achtsame Grundhaltung erprobt, die zur Akzeptanz beruflicher Ereignisse beiträgt. Im Bereich "Soziale Fähigkeiten" werden Grundlagen für die Interaktion mit Schülerinnen und Schülern vermittelt, wie beispielsweise Perspektivenübernahme oder ein angemessenes Durchsetzungsverhalten.

Training im Sommersemester 2020 erfolgreich online angeboten

Ursprünglich als Präsenzveranstaltung geplant und seit 2016 durchgeführt, wurde das Training im Sommersemester 2020 aufgrund der Corona-Pandemie erstmals online angeboten. Dazu lieferten Videos den theoretischen Überbau, Arbeitsblätter für Einzel-und Tandemübungen dienten der Vertiefung des Wissens. Videoanalysen und Fallbeispiele lieferten den Bezug zur Berufspraxis; Videobasierte Rollenspiele in Tandems ermöglichten eine praktische Erprobung des Wissens. Daneben bearbeiteten die Studierenden wöchentlich Hausaufgaben und reflektierten in einem Portfolio ihren Wissens- und Kompetenzerwerb. Alle Materialien wurden über die Lernplattform OLAT zugänglich gemacht, über die auch die Kommunikation mit den Studierenden stattfand.

Die regelmäßige und bewusste Auseinandersetzung mit meinen eigenen Emotionen hat mir sehr geholfen meine Bedürfnisse zu erkennen und zu akzeptieren, um im nächsten Schritt nach Möglichkeiten zu suchen diese zu erfüllen oder auch Lösungsansätze für Probleme zu entwickeln.

Lou Keil

Die Evaluation der Onlineversion des Trainings zeigte, dass sich die Studierenden im Mittel nach dem Training zuversichtlicher hinsichtlich der Wahrnehmung, des Verständnisses sowie des Umgangs mit Emotionen einschätzen. Zudem schnitten die Studierenden nach dem Training signifikant besser in einem objektiven Vignettentest zur sozial-emotionalen Kompetenz ab, das heißt  die Studierenden konnten Handlungsalternativen hinsichtlich ihrer langfristigen Wirksamkeit für das emotionale Wohlergehen und die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern nach dem Training besser einschätzen als vorher.

Stimmen von Studierenden

Lou Keil und Moritz Schuler, Master-Lehramtsstudierende an der CAU Kiel, haben das Training besucht und berichten über ihre Erfahrungen.

Warum haben Sie das Training besucht?

Als zukünftige Lehrerin ist es mir wichtig, professionell und selbstbewusst im Unterricht zu handeln, in stressigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und einen guten Draht zu meinen Schülerinnen und Schülern zu haben.

Lou Keil

Keil: Während meiner Schulpraktika konnte ich erleben, dass es im Schulalltag schnell zu Konflikten kommen kann. Mal beeinträchtigt ein tränenreicher Streit unter den Lernenden das Klassenklima, mal muss man sich gegen die schlechte Laune eines Kollegen wappnen oder mit der Enttäuschung leben, dass eine Unterrichtsstunde anders als geplant verläuft.

Schuler: Das Thema 'Emotionen' ist eines, das uns alle angeht, aber das leider viel zu häufig außer Acht gelassen wird, solange es einem selbst gut geht.
Von Lehrkräften wird in Bezug auf ihre Arbeit ein großes Maß an Objektivität erwartet und es entsteht das Gefühl, dass (negative) Emotionen im Klassenraum keinen Platz haben. Natürlich ist das aber nicht möglich, vielmehr ist ein guter Umgang mit den eigenen Emotionen wichtig. Um die dafür notwendigen Fähigkeiten zu schulen und meine eigenen, emotionalen Kompetenzen zu fördern habe ich mich für dieses Training entschieden.

Was war das Besondere an dieser Onlinesituation?

Dank des asynchronen Charakters der Veranstaltung war es möglich die Übungen dann durchzuführen, wenn man sich am ehesten bereit dazu gefühlt hat und nicht, weil es gerade der Stundenplan vorschreibt.

Moritz Schuler

Keil: Ich habe dieses Semester als sehr herausfordernd empfunden, denn häufig hatte ich mit technischen Problemen und einer Sintflut an wöchentlichen Abgaben zu kämpfen. Zudem fehlte in einigen Seminaren der Austausch mit anderen Studierenden. Die Dozierenden des Trainings schafften es mit einer Kombination aus Live-Aufzeichnungen, abgestimmten Lernmaterialien sowie praktischen Übungen und einer wohldosierten Menge an Hausaufgaben, den Präsenzunterricht erfolgreich zu kompensieren. Mir persönlich hat es sehr gut gefallen, dass ich dieses Seminarformat flexibel in meine Wochenplanung einbetten konnte. Das hat für eine große Entlastung gesorgt, viel Druck genommen und dafür gesorgt, dass ich mich stets auf das Seminar freute und alle Seminarsitzungen absolvieren konnte. Zudem fand ich es hilfreich und unterstützend, die Möglichkeit zu haben, sich an einen Tandempartner wenden zu können.

Schuler: Im Mittelpunkt des Seminars stand die Erfahrung und Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen. Dieses Thema ist sehr persönlich und intim.
Auch war es möglich sich in der vertrauten Umgebung der eigenen Wohnung entweder im Stillen oder auch mit einer Person der eigenen Wahl mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Beides ist im Rahmen eines Präsenzseminars nicht möglich. Dank Videobotschaften und persönlichen Chats mit anderen Studierenden des Seminars konnte auch der so wichtige Austausch über Erfahrungen gewährleistet werden.

Was hat Ihnen besonders gut an dem Training gefallen? Was war ungewohnt?

Lou Keil reflektiert Ihre Emotionen in einem Emotionstagebuch.

Lou Keil reflektiert Ihre Emotionen in einem Emotionstagebuch.

© Jonas Ströh

Schuler: Eine besonders wertvolle Erfahrung war für mich das Führen eines Emotionstagebuchs, welche mich dazu angeregt hat bewusster mit den eigenen Emotionen umzugehen, indem man diese nicht nur registriert, sondern auch reflektiert hat.
Trotz der Umstellung auf ein asynchrones Online-Format habe ich mich stets wahrgenommen und gut betreut gefühlt. Durch die Verbindung von theoretischen Hintergründen, praktischen Übungen, lebensnahen Beschreibungen und einer vertrauensvollen, wertschätzenden Anleitung entstand hier ein Seminar, aus dem ich viel für meine zukünftige Lehrtätigkeit mitnehmen kann. Besonders dienlich war dieses Seminar in Hinblick auf das anstehende Praxissemester. Ich werde dort sicherlich einige der hier erlernten Werkzeuge anwenden können. So gut und lebensnah kann Online-Lehre im Jahr 2020 sein!

Keil: Ich fand das Gesamtkonzept des Seminars sehr gelungen. Wir haben uns mit Emotionen auseinandergesetzt und regelmäßig Emotionstagebücher geführt. Vor allem Letzteres war für mich zunächst sehr gewöhnungsbedürftig.
Ein achtsamer Umgang mit Emotionen erfordert ein bisschen Übung, fällt einem mit der Zeit aber immer leichter. Zudem begegnet man anderen Menschen empathischer und lernt ihre Emotionen besser zu identifizieren. Diese Fähigkeit eignet sich wunderbar, um Konflikten im Unterricht vorzubeugen und über alternative Handlungsmöglichkeiten nachzudenken, anstatt den Emotionen kurzfristig Raum zu geben.
Auch fand ich motivierend anhand des Pre- und Posttests die Entwicklung der sozial-emotionalen Kompetenzen zu verfolgen. Das Training hat gezeigt, dass man mit ein bisschen Übung in kurzer Zeit große Fortschritte erzielt. Ich für meinen Teil fühle mich durch das Training selbstsicherer und gewappneter für das nächste Schulpraktikum und freue mich schon darauf das Wissen aus dem Training zu erproben und zu vertiefen.  



Dr. Michaela M. Köller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Die Diplom-Psychologin ist Teilprojektleiterin im Rahmen des Kieler Projekts "Lehramt mit Perspektive an der CAU (LeaP@CAU)" der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung".
Diplom-Psychologe Dr. Bastian Carstensen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN).
Im Interview wirkten Moritz Schuler und Lou Keil, Master-Lehramtsstudierende an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, mit.