Textbasierte Fallarbeit in der Lehrkräftebildung – eine Kooperation zwischen der TU Berlin und der FSU Jena

Aktuell setzen viele Universitäten in der Lehrkräftebildung auf fallbasiertes Lernen. Doch können auch mit vergleichsweise einfach zu erstellenden textbasierten Fällen tiefergehende Lernprozesse angeregt werden? Eine gemeinsame Studie der Technischen Universität Berlin und der Friedrich-Schiller-Universität Jena zeigt, wie allein der Textstil die Verarbeitungstiefe beim Lesen beeinflusst. Dabei spielt das Anregen von Empathie eine zentrale Rolle.

Alexander Wedel und Franziska Greiner

Alexander Wedel (TU Berlin) und Franziska Greiner (FSU Jena) entwickeln gemeinsam Textfälle und erforschen deren Anwendung im Bereich der pädagogischen Diagnostik.

Alexander Wedel und Franziska Greiner/private Aufnahme

Von Alexander Wedel und Franziska Greiner
unter Projektleitung von Jan Pfetsch, Angela Ittel (TU Berlin) und Bärbel Kracke (FSU Jena)
unter Mitwirkung von Christin R. Müller (Freie Wissenschaftlerin)

Lehrkräfte können besonders dann zur Unterrichtsqualität und zu einem positiven Schulklima beitragen, wenn ihnen der Transfer universitär erworbener Kompetenzen in die Schulpraxis gelingt. Um schon vor eigenen Lehrerfahrungen "praxistaugliches" Wissen zu erwerben, können fallbasierte Lernarrangements genutzt werden. Insbesondere textbasierte Fälle sind ein sehr ökonomisches und anpassbares Instrument, das sich sowohl für Forschungs- als auch für Lehrzwecke eignet. Die Projekte "TUB Teaching" der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) und "PROFJL" der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU Jena) haben sich im Verlauf der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" (QLB) zusammengeschlossen, um gemeinsam Textfälle zu entwickeln und deren Anwendung im Bereich pädagogischer Diagnostik zu erforschen. Im schulischen Alltag greifen Lehrkräfte auf textbasierte Dokumente über Schülerinnen und Schüler zurück, um gelingende Lehr-Lernprozesse zu gestalten (z. B. Kind-Umfeld-Analyse, Beobachtungsnotizen und psychologische Gutachten).

Entstehung der Kooperation

Das Symposium "Fit für Inklusion? Didaktisch-methodische Impulse zum Umgang mit Heterogenität in der Lehrkräftebildung", das auf der 5. Tagung der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF) 2017 in Heidelberg stattfand, bot einen intensiven Austausch zwischen acht QLB-Projekten verschiedener Standorte. Dabei stellte sich heraus, dass die Teilprojekte "Inklusion systematisch implementieren (Isi)" der FSU Jena und "Pädagogische Diagnostik und Inklusion" der TU Berlin das Interesse teilen, die diagnostische Kompetenz (angehender) Lehrkräfte als Bestandteil professioneller Kompetenzen für die Arbeit in inklusiven Settings genauer zu erforschen. Hochschuldidaktisch konnte die fallbezogene Arbeit in der Lehrkräftebildung als gemeinsamer Nenner herausgearbeitet werden. Zeitnah folgte ein Treffen in Berlin, bei dem u. a. Ideen für die fallbezogene Gestaltung von Lehrveranstaltungen ausgetauscht wurden und Dr. Christin R. Müller als außeruniversitäre Kooperationspartnerin gewonnen werden konnte. Schnell wurde jedoch deutlich, dass sich die in den Lehrveranstaltungen eingesetzten textbasierten Fälle sowohl inhaltlich als auch strukturell deutlich unterscheiden. Für den Aufbau diagnostischer Kompetenz haben sich fallbasierte Lehr-Lern-Arrangements zwar als wirksam erwiesen, allerdings fehlen Kenntnisse über textbasierte Fälle und deren Effekt auf die Entwicklung diagnostischer Kompetenz.

Ideen zur gemeinsamen Forschung

Expertinnen und Experten können besser diagnostisch relevante von irrelevanten Informationen unterscheiden als Novizinnen und Novizen. Je nach Zielsetzung können sie diagnostische Informationen differenzierter auswählen sowie zutreffendere Vorhersagen über die Entwicklung des Unterrichts und des Verhaltens von Schülerinnen und Schülern bilden. Bisher fehlte es jedoch an einem Forschungsdesign im Kontext pädagogischer Diagnostik, das einerseits praxisnah an Situationen des Schullalltags und des universitären Kompetenzerwerbs ansetzt sowie andererseits Einblick in die Vorgänge der kognitiven Verarbeitung von Personeninformationen gibt. Da der Schulalltag für Lehrende und Lernende durch komplexe soziale Situationen und Beziehungen geprägt ist, stellt sich weiterhin die Frage, ob das Ausmaß an Empathie das Speichern textbasierter Informationen über Schülerinnen und Schüler unterstützt oder einschränkt. Empathie ist die Fähigkeit, emotionale Reaktionen anderer Menschen zu verstehen (kognitive Empathie) und nachzuempfinden (affektive Empathie).
 

Schaubild

Forschungsdesign zur Untersuchung personenbezogener Informationsverarbeitung aus textbasierten Falldokumentationen.

Wedel u. a./eigene Erstellung

Auf Basis dieser Überlegungen wurden Ideen zu einer gemeinsamen Studienreihe entwickelt, die eine Brücke zwischen praxisorientierter Fallarbeit und empirischer Forschung schlägt. Die gemeinsam durchgeführten Studien fragen, welche Effekte textbezogene Merkmale (Fallinhalt und Textstil) diagnostischer Fälle auf die Verarbeitung von Personeninformationen im Arbeitsgedächtnis haben und welche Rolle dabei Empathie und Intelligenz spielen (siehe Schaubild). In einer Experimentalstudie mit Tests und Fragebögen konnten im Wintersemester 2017/18 Daten von 391 Lehramtsstudierenden aller Schulformen gewonnen werden. In einer Replikationsstudie im Sommersemester 2018 wurden wiederum Daten von 146 Lehramtsstudierenden erfasst.

Gewinn der Studie für die Projekte

Die Ergebnisse zeigen, dass selbst bei verschiedenen Fallinhalten ein bestimmter Textstil eine tiefgehende Verarbeitung von Informationen im Arbeitsgedächtnis stimulieren kann. Zudem stellte sich heraus, dass Empathie begünstigend auf die Verarbeitungstiefe und die Urteilsgenauigkeit wirkt. Intelligenz hatte dagegen keinen Effekt auf die Urteilsgenauigkeit. Dieses Ergebnis steht im Kontrast zu einer vorherigen Studie von Kaiser et al. (2012), die Intelligenz als zentralen Prädiktor von Urteilsgenauigkeit herausstellt. Unsere Studien legen nahe, dass Empathie im diagnostischen Prozess wie auch in der Lehrkräftebildung stärker berücksichtigt werden sollte. Hier kann z. B. auf bereits vorhandene Trainings zu Empathiefähigkeiten zurückgegriffen werden.

Die Erkenntnisse der Studie können direkt in die Gestaltung von Textfällen als Unterrichtsmaterial in die Lehrkräftebildung einfließen und über den didaktischen Umgang damit informieren. Im Projekt "Inklusion systematisch implementieren (Isi)" können die Erkenntnisse z. B. genutzt werden, um Studierende in binnendifferenzierten Lernarrangements anzuregen, sich vor dem Hintergrund der systematischen Analyse eines konkreten Fallbeispiels in der Formulierung individueller Unterstützungsangebote für die im Textfall beschriebenen Schülerinnen und/oder Schülern zu üben.

Im TUB Teaching Teilprojekt "Pädagogische Diagnostik und Inklusion" werden die empirischen Ergebnisse genutzt, um eine Lernumgebung mit Problemorientiertem Lernen (POL) weiterzuentwickeln. Die bereits erstellten und validierten Textfälle können weiter verbessert und ihr Einsatz durch ausgewählte Instruktionen begleitet werden. Darüber hinaus bietet der im Rahmen der Kooperation entwickelte Rekognitionstest zur textbasierten Informationsverarbeitung eine Möglichkeit zur objektiven Messung einer wichtigen Facette diagnostischer Kompetenz.

Insgesamt konnte in der projektübergreifenden Kooperation die Arbeit mit textbasierten Fällen empirisch fundiert und in der Hochschullehre erprobt werden. Besonders in der Arbeit mit angehenden Lehrkräften, die bislang wenig oder keine schulpraktischen Erfahrungen in inklusiven Settings sammeln konnten, hat sich die Arbeit mit Textfällen als praxisnahe und ökonomische Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit inklusionsrelevanten Fragestellungen bewährt.

Eine Herausforderung für den Transfer der Forschungsergebnisse an den beiden Standorten ist die föderale Ausrichtung des deutschen Bildungssystems. Beispielsweise unterscheiden sich die Curricula der Lehrkräftebildung in den Bundesländern Thüringen und Berlin. Dadurch muss die Auswahl von Inhalten und die Vernetzung mit anderen Lerngelegenheiten im Studium den standortspezifischen Gegebenheiten angepasst werden. Eine identische Implementation an beiden Standorten kann daher nicht ohne weiteres erfolgen. Die inhaltliche Divergenz ist auf Forschungsebene dagegen eine große Bereicherung. Zudem ermöglicht die Arbeit mit einem gemeinsamen Datenpool die Untersuchung vielfältiger Fragestellungen und mündet in einer größeren Reichweite des Ergebnistransfers.


Alexander Wedel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt TUB Teaching und forscht an den Themen Diagnostik und Empathie im Schulkontext. Franziska Greiner arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im ProfJL²-Teilprojekt "Inklusion systematisch implementieren (Isi)", in dem sie inklusionsorientierte Lernangebote für das Lehramtsstudium entwickelt und beforscht.