Reformbedarf in der Lehrerfortbildung am Beispiel Nordrhein-Westfalen

Lehrerfortbildung ist ein komplexes Teilsystem des Schulwesens, das gerade in einem Flächenland wie Nordrhein-Westfalen auf mehreren Ebenen koordiniert und organisiert wird. Ein im Herbst 2019 fertiggestelltes Gutachten kommt zu dem Schluss, dass das aktuelle System nicht optimal aufgestellt ist und eine grundlegende Reformierung erfordert. Zentral sind die Gestaltung einer effizienten Steuerung, die Bedarfsfeststellung sowie die didaktische und zeitliche Organisation der Lehrerfortbildung.

drei Personen sitzen um einen Tisch herum und sprechen miteinander; Foto: BMBF/Alexandra Roth

Die Lehrerfortbildung ist ein komplexes System unterschiedlicher Bezugs- und Anspruchsgruppen, deren Bedarfe und Interessen ausbalanciert werden müssen.

© BMBF/Alexandra Roth

Von Herbert Altrichter, Kerstin Baumgart, Dieter Gnahs, Joachim Jung-Sion und Hans Anand Pant

Das Thema "Lehrerfortbildung" hat momentan Konjunktur, wie mehrere brandaktuelle Tagungen, Studien und Veröffentlichungen beweisen. In diesen  Kontext gehört auch die Evaluation der Lehrerfortbildung in Nordrhein-Westfalen, die von einer fünfköpfigen Expertengruppe durchgeführt wurde.

Das Untersuchungsmaterial umfasste einerseits die Auswertungen von 19 Gruppeninterviews mit insgesamt 79 Teilnehmenden (Dezernenten Fortbildung der Bezirksregierungen, Fachleitungen und Fachleitung Berufskolleg–Fortbildung, Kompetenzteam-(Co-)Leitungen, Moderatoren und Moderatorinnen) sowie andererseits eine standardisierte Online-Befragung von 2393 Teilnehmenden (Schulleitungen bzw. Fortbildungsbeauftragte, Lehrkräfte, Schulaufsicht). Aus methodischen Gründen (beispielsweise unterschiedliche Rücklaufquoten) sind die Ergebnisse dieser Untersuchungen mit Vorsicht zu interpretieren. Sie bieten jedoch eine Fülle von Anhaltspunkten über Einschätzungen und Problemsichten zum System der Lehrerfortbildung in Nordrhein-Westfalen (NRW), die von der Expertengruppe diskutiert und zusammen mit den Ergebnissen anderer Untersuchungen für die Formulierung von Entwicklungsszenarien herangezogen wurden. Zusätzlich lagen der Expertengruppe statistische Daten und der Entwurf des "Orientierungsrahmens Fortbildungsqualität NRW" vor.

Die Gutachtenden sehen die Lehrerfortbildung als komplexes System unterschiedlicher Bezugs- und Anspruchsgruppen (Staat, Schulträger, Schulen, Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Mitarbeitende im Fortbildungssystem, Berufssystem), deren Bedarfe und Interessen ausbalanciert werden müssen, damit die Ziele der Lehrerfortbildung erreicht werden: Wissensaktualisierung, Kompetenzerweiterung, Erhaltung und Erweiterung des Leistungspotentials, Arbeitszufriedenheit, aber auch Unterstützung bei der Schul- und Qualitätsentwicklung. Die Erfüllung dieser Ziele ist wiederum die zentrale Voraussetzung für die Qualität der Lernerfahrungen und die Entwicklung der Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler.

Im Ergebnis der Analyse wird das System der Lehrerfortbildung (LFB) in Nordrhein-Westfalen als suboptimal eingeschätzt. Die Strukturen sind unübersichtlich mit unklaren Zuständigkeiten, die Effekte der Fortbildungsanstrengungen sind unbefriedigend. Die Gutachtenden sehen erheblichen Reformbedarf, der sich in den folgenden Punkten widerspiegelt:

  1. Stärkung einer Instanz auf Landesebene mit Steuerungsfunktion
  2. Sicherstellung der Koordination der dezentralen Anbieterstruktur
  3. Erfassung der LFB-Aktivitäten mittels einer aussagefähigen Statistik (unter anderem Veranstaltungs- und Teilnehmerstatistik), um ein effizientes Bildungsmonitoring zu ermöglichen
  4. Für die Planung, die Konzipierung und das Angebot von Fortbildung ist die Erfassung der Bedarfe von Schulen und Lehrkräften wesentlich; Einführung eines Online-Bedarfserfassungsmodells (Beispiel Thüringen), über das die Schulen ihre Bedarfe anmelden
  5. Einbeziehung der Schülerebene bei der schulseitigen Bedarfsplanung
  6. Umfassende aufgabenbezogene Qualifizierung der Fortbildenden
  7. Verstärkte Einbeziehung von schulexternen Akteuren in die LFB wie Universitäten, Weiterbildungseinrichtungen und Schulbuchverlage
  8. Berücksichtigung der Ergebnisse der Fortbildungsforschung in Didaktik und Organisation der LFB: Wo über bloße Information hinausgehende Handlungsfähigkeit angestrebt wird, sind Fortbildungsangebote grundsätzlich mehrtägig, mit Praxiserprobungsphasen und unter Einschluss eines kollegialen Erfahrungsaustausches konzipiert.

Im Zuge der notwendigen Neuordnung der Lehrerfortbildung könnten auch, so das Gutachten, die Angebote und Institutionen der 2. Phase der Lehrerbildung einbezogen werden. Die organisatorische Trennung zwischen den Bildungsangeboten der 2. und 3. Phase habe historische Gründe, inhaltlich gäbe es aber viele Überschneidungen, die mit einer Professionalisierung der Lehrerbildung zunehmen. Durch den organisatorischen Einbezug und die inhaltliche Koordinierung der Aufgaben der 2. mit jener der 3. Phase könnten bei einer Neustrukturierung der Fortbildung Synergien gewonnen werden, die insbesondere für die regionale und schulnahe Versorgung mit Lehrerbildungsmöglichkeiten Nutzen bringen könnten.

Nach Vorlage des Berichts kündigte Staatssekretär Mathias Richter an, dass auf der Basis des Gutachtens ein intensiver Diskussions- und Beteiligungsprozess starten werde, der das Ziel verfolge, die Lehrerfortbildung in NRW grundlegend zu reformieren. Dabei müssten auch die bisherigen Strukturen auf den Prüfstand gestellt werden. Die vollständige Presseerklärung findet sich auf der Homepage des Ministeriums.

Mit der umfassenden Evaluation der Lehrerfortbildung und den angekündigten Weichenstellungen als Reaktion auf die Ergebnisse unterstreicht NRW die Bedeutung der Lehrerfortbildung für die Weiterentwicklung der Qualität von Schule und Unterricht. Es ist davon auszugehen, dass dieses bildungspolitische Statement und die konkreten Umsetzungsschritte in den übrigen Bundesländern aufmerksam wahrgenommen werden. Zu betonen ist, dass die avisierten Änderungen in einem diskursiven und partizipativen Prozess angestrebt werden. Damit dürfte gewährleistet sein, dass regionale, schulform- und gruppenbezogene Besonderheiten und Interessen in den Entscheidungsprozess Eingang finden.


Prof. Dr. Herbert Altrichter (Johannes Kepler Universität Linz), Dr. Kerstin Baumgart (Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien), Prof. Dr. Dieter Gnahs (Universität Duisburg-Essen), Joachim Jung-Sion (Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung Rheinland-Pfalz) und Prof. Dr. Hans Anand Pant (Humboldt-Universität zu Berlin, Deutsche Schulakademie) sind Mitglieder der Expertengruppe, die 2019 im Auftrag des Ministerium für Schule und Bildung die Evaluation der Lehrerfortbildung in Nordrhein-Westfalen durchgeführt hat.