QLB-Projekt an der Universität Passau kooperiert mit Schulen bei coronabedingter Fernlehre

Eigentlich sollten im Teilvorhaben "Schulkooperation: Unterricht gemeinsam entwickeln", einem Arbeitsfeld im Projekt SKILL.de der Universität Passau, derzeit Workshops zur Unterrichtsentwicklung mit und über digitale Medien an den Projektschulen stattfinden. Außerdem waren in Zusammenarbeit mit dem "Klassenzimmer der Zukunft" Schulpraktika geplant. Corona zwingt zum Umplanen in beiden Arbeitsfeldern: In beiden Kooperationsfeldern brauchten die Schulen Unterstützung.

Praktikum in Coronazeiten:  Videographierte Unterrichtsstunden zur Unterrichtsreflexion

Praktikum in Coronazeiten:  Videographierte Unterrichtsstunden zur Unterrichtsreflexion

© Universität Passau

Im Gespräch erläutern Projektleiterin Prof. Dr. Jutta Mägdefrau, Dr. Sabrina Kufner, Leiterin des Didaktischen Labors der Universität Passau sowie Petra Mayrhofer und Lothar Löschenbrand, beide tätig im SKILL.de-Arbeitsfeld Schulkooperation, den Hintergrund sowie die praktische Umsetzung:
 

Was steckt hinter dem Ansatz der Projektschulen? Welche Rolle spielen sie im Gesamtprojekt SKILL.de?

Mägdefrau: SKILL.de steht für "Strategien zur Kompetenzentwicklung: Innovative Lehrformate in der Lehrerbildung, digitally enhanced". Zentrales Anliegen ist der Versuch, in der universitären Lehre Fachvermittlung mit der Vermittlung digitalisierungsbezogener Kompetenzen zu verbinden. Dem handlungsorientierten Ansatz entsprechend entstehen dabei mit Studierenden erarbeitete Bausteine auch für den schulischen Unterricht. Wir haben uns im Vorfeld Schulen gesucht, die Interesse daran haben, beim Schulentwicklungsprozess zur kompetenten mediendidaktischen und medienpädagogischen Nutzung und Reflexion digitaler Medien unterstützt zu werden. Das sind unsere Projektschulen, und die werden später dann auch die in den universitären Seminaren entstandenen Bausteine testen.

Wie sieht aktuell unter Coronabedingungen die Zusammenarbeit mit den Schulen aus?

Mayrhofer: Der Lockdown kam für Schulen überraschend, und schnell wurde klar, dass die Schließungen länger anhalten werden. Dass wir hier eine Art Nothilfe leisten wollen, steht außer Frage. Quasi über Nacht entstand so das Papier "Fernlehre – Eine Handreichung für Schulen". Es ist das, was man in der Wissenschaft selbstironisch gerne als "quick and dirty" bezeichnet.

Was meinen Sie damit konkret?

Mayrhofer: Das Papier versteht sich lediglich als "Erste Hilfe-Maßnahme". Eine umfassende Behandlung der Problematik braucht deutlich mehr Reflexion der grundlegenden Prinzipien des Distance Learning. Für die meisten Lehrkräfte stand aus verständlichen Gründen zunächst das Lehren, verbunden mit den technischen Herausforderungen im Zentrum der Überlegungen. Daher sahen sie zunächst den Lehraspekt der Fernlehre, weniger jedoch das alleine zu Hause sitzende Kind oder ebenfalls überforderte (erwerbstätige) Eltern. Es ist jetzt nötig, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen und wieder das Kind und sein Lernen ins Zentrum zu rücken. Das haben wir mit unserem Papier versucht deutlich zu machen: weg von einem Lehr-Lernangebot für die gesamte Klasse, für durchschnittliche Lernende und hin zum individuellen Lehr-Lern-Prozess des Kindes. Im Grunde geht es darum, die Qualitätskriterien guten Unterrichts "digitally enhanced" zu denken.

Diese Qualitätsmerkmale sind ja nicht neu.

Löschenbrand: Nein, aber dadurch, dass die Lernenden zu Hause sehr auf sich gestellt und oft auf die häusliche Unterstützung angewiesen sind, muss eine professionelle Lehrkraft hier ein besonderes Augenmerk haben. Es spricht vieles dafür, dass die Art der Unterstützung in den Corona-Wochen wieder stark vom Bildungsstand des Elternhauses abhängig ist. Das verstärkt Chancenungleichheiten. Wir haben versucht, die Lehrkräfte mit einschlägigen Links und Werkzeugen gerade auch bei solchen individualisierenden Aufgabenformaten zu unterstützen.

Kam denn das Angebot an?

Mayrhofer: Es kamen einige positive und dankbare Rückmeldungen. Ein Mitarbeiter der Schulverwaltung und Lehrer schrieb uns beispielsweise: "Hervorragend finde ich, dass Sie auch alle Feedback-Möglichkeiten bis hin zum einfachen Telefonanruf ansprechen
und darauf abzielen, dass auch im „Fernunterricht“ eine Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler möglich sein sollte [...]".

Worin bestand vor allem der Unterstützungsbedarf der Schulen?

Mägdefrau: Im Prinzip stehen alle Beteiligten vor ähnlichen Herausforderungen: Lehrkräfte im Unterricht, Praktikumslehrkräfte oder Lehrende an der Universität. Die zentrale Einsicht der ersten Wochen war, wie wichtig gute Instruktionen und persönliche Unterstützung bei der Fernlehre sind. Jetzt ist die Phase der Konsolidierung, in der sich alle Lehrenden mit den didaktischen Feinheiten befassen: Wie kann über digitale Tools kooperatives Lernen organisiert werden? Wie kann man dem einzelnen Kind gerecht werden? Welche Form der Unterstützung brauchen Eltern und Kinder? Hier ist weiteres Potenzial für Zusammenarbeit mit den Universitäten.

Es hat sich ja gezeigt, dass besonders Lehrkräfte, die in der Praktikumsbetreuung tätig sind, Unterstützung brauchen, damit die Praktika trotz Schulschließungen einigermaßen sinnvoll durchgeführt werden können. Wie hat das Didaktische Labor der Universität Passau hier reagiert?

Kufner: Zunächst wussten Schulen und Universitäten nicht, wie man jetzt zusammenarbeitet. Wir sehen darin aber auch die Chance, Theorie-Praxis-Verschränkungen strukturell anders anzugehen. Eine Vertreterin der Fachdidaktik hat es so ausgedrückt: "Jahrelang haben wir es versucht – jetzt drängt sich uns die Gelegenheit direkt auf, mit den Praktikumslehrkräften in einen gelebten, neu definierten Theorie-Praxis-Austausch zu gehen. Wir müssen sie unbedingt nutzen!" Die Auflagen des Ministeriums erlauben uns jede Form der Zusammenarbeit, sofern es Online-Angebote sind.

Wie sieht Ihre Coronamaßnahme konkret aus?

Kufner: Um einen Austausch zwischen Fachdidaktiken und Praktikumslehrkräften zu ermöglich, haben wir ein Onlineforum angelegt. Unser Learning-Management-System ILIAS erlaubt auch Gastzugänge. Als erstes haben wir im Forum einen Ordner für alle derzeit relevanten kultusministeriellen Schreiben eingerichtet, um die rechtliche Basis für alle Beteiligten leicht auffindbar und zugänglich zu machen. Daneben wurden die Bereiche "Konzeptionelle Ideen und Vorschläge zur Konkretisierung", "Links und Materialien" sowie "Unterstützungsangebote" angelegt und erste Beiträge erstellt. Parallel wird auch der Zugang zu Unterrichts-Videodatenbanken organisiert. Das Forum bietet aber auch schlicht einen Ort, an dem man Fragen stellen kann. Das Team der Didaktischen Labore ist hier in einer beratenden Position tätig.

Das klingt jetzt nach eher organisatorischen Maßnahmen. Gibt es auch inhaltliche?

Kufner: Ja, es entstehen derzeit digitale Kooperationsseminare zwischen den Fachdidaktiken und Praktikumslehrkräften, die die Unterrichtsversuche in den Schulen ersetzen. So werden beispielsweise Lehreinheiten zu Mikroteaching oder kriteriumsgeleiteter Unterrichtsbeobachtung entwickelt. Eine derartige Seminar-Struktur erlaubt eine sinnvolle Theorie-Praxis-Reflexion. Sie bezieht beide Institutionen gleichermaßen mit ein – ein fruchtbarer Prozess für beide Seiten.