"Pro:Praxis in der Lehrerinnenbildung" Bericht zur Projekttagung am 01.07.2021

Das Zentrum für Lehrerbildung der Philipps-Universität Marburg (UMR) hat auf seiner Tagung „Pro:Praxis in der Lehrerinnenbildung“ am 01.07.2021 bilanzierend die Arbeiten im Projekt und die phasen- sowie institutionenübergreifende Zusammenarbeit in den Blick genommen. Die Veranstaltung richtete sich an alle Akteure in der Lehrerkräftebildung.

Ein lehrer sitzt mit einer Schülerin und einem Schüler nebeneinander in einem Stuhlkreis

Für die Querschnittsthemen Heterogenität/Inklusion und Digitalisierung werden in Marburg aufeinander bezogene Lehrveranstaltungen der Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften entwickelt.

© BMBF/Alexandra Roth

Von Asja Lengler und Annette Huppert

Teilnehmende von Universitäten, Schulen, Studienseminaren und Behörden nahmen gemeinsame Themen der Lehrekräftebildung in der Umsetzung von Praktika, der Begleitung des Professionalisierungsprozesses der Studierenden und der Bedeutung der Digitalisierung in allen Phasen der Lehrekräftebildung in den Blick.

Dabei wurden Evaluations- und Forschungsergebnisse diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Perspektiven für die weitere Zusammenarbeit skizziert.

Frau Lengler, Projektkoordinatorin des Projekts, eröffnete mit einer kurzen Begrüßung die Tagung. In ihrem Grußwort stellte die Vizepräsidentin für Studium und Lehre, Frau Prof. Dr. Evelyn Korn, die Besonderheiten der Marburger Lehrerinnenbildung vor, die bereits seit 2015 mit Beginn der ersten Förderphase der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" in einem kontinuierlichen und fächerübergreifenden Prozess erarbeitet und entwickelt werden. Diesen erfolgreichen Entwicklungsprozess gilt es integrativ fortzuführen und nachhaltig zu verankern. Die Hauptanliegen lassen sich in vier Punkten darstellen.

(1) Mit ProfiLab werden in dauerhaft etablierten Foren und themenbezogen eingerichteten Arbeitsgruppen mit universitären und schulischen Akteurinnen und Akteuren Konzepte der Lehrerinnenbildung gemeinsam weiterentwickelt.

(2) Die in der ersten Förderphase erprobten Marburger Praxismodule werden für die Integration beider Unterrichtsfächer weiterentwickelt und im Rahmen der Neuordnung der Lehrerinnenbildung auf alle Fächer ausgeweitet.

(3) Die Philipps Universität entwickelt ein curriculares Modell, um gesellschaftliche Herausforderungen als schulpraktische Aufgaben adressieren zu können. Für die Querschnittsthemen Heterogenität/Inklusion und Digitalisierung werden aufeinander bezogene Lehrveranstaltungen der Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften entwickelt.

(4) Die professionsbezogene Beratung wird curricular in den Bildungswissenschaften verankert. Sie richtet sich an Schülerinnen und Schüler im Übergang zur Universität und begleitet Studierende bis in den Vorbereitungsdienst

Zum Auftakt haben Prof. Dr. Marcell Saß aus Marburg und Prof. Dr. Katja Koch aus Rostock in einem Streitgespräch ihre Positionen zur Strukturierung der Lehrkräftebildung pointiert dargestellt und diskutiert. Frau Prof. Dr. Koch plädierte für eine einphasige Lehrekräftebildung, die sich sehr früh im Studium eng an der beruflichen Praxis orientieren soll und so wie es aussähe, von Universitäten nicht erwartbar sei. Prof. Dr. Saß plädierte für eine zweiphasige Ausbildung, die es Studierenden ermöglicht, mit Distanz zur eigenen erlebten Schulzeit und einem fachlich wissenschaftlichen Blick Schule und Unterricht zu begegnen.

In der nachfolgenden Session mit dem Titel: „Einheit und Vielfalt: die Praxisphasen in der
hessischen Lehrerinnenbildung“ haben Vertreterinnen und Vertreter der hessischen Universitäten die unterschiedlichen Modelle für die Praxisphasen an den jeweiligen Standorten vorgestellt und diskutiert. Prof. Dr. Carina Peter und Dr. Sven Page zeigten das Modell der Marburger Praxisphasen (MPM), Sabine Mihmat-Jakubzyk die Umsetzung des Praxissemesters im Studiengang Lehramt an Gymnasien an der Goethe-Universität Frankfurt. Dr. Ruth Mell, Lea Belz und Vanessa Cordes-Finkenstein stellten die in vier Abschnitte gegliederten Praxisphasen der TU Darmstadt vor.

Die zweite Session fokussierte unter dem Titel „Kompetenzentwicklung in der Praxisphase“ einerseits Evaluationsergebnisse zu den Marburger Praxismodulen und andererseits die Arbeiten in der Professionsbezogenen Beratung. Prof. Dr. Malte Schwinger informierte gemeinsam mit Tobias Klös über Ergebnisse der begleitenden Evaluation im Projekt: In einem Vergleich zwischen den Marburger Praxismodulen und den Schulpraktischen Studien konnte eine signifikant verbesserte subjektiv wahrgenommene Entwicklung der Studierenden hinsichtlich der Intensität fachdidaktischer Kompetenzen, den Kenntnissen zur Unterrichtsplanung und zur beruflicher Aspiration festgestellt werden. Dr. Jost Stellmacher stellte die Arbeit der Professionsbezogenen Beratung gemeinsam mit Dr. Laura Lübke und Dominique Roitzsch-Pröhl vor. Herzstück der Professionsbezogenen Beratung ist das Angebot eines individuellen Beratungsgesprächs nach der Praxisphase, in dem die Studierenden dabei unterstützt werden, ihre individuell wahrgenommenen Stärken und Entwicklungsbedarfe zu reflektieren und Perspektiven für die Weiterentwicklung in diesen Bereichen zu erarbeiten. Die Erfahrungen zeigen bislang, dass dieses Angebot eine große Nachfrage erfährt und das Feedback der Studierenden äußerst positiv ist.

Der Tagungsnachmittag begann mit einem Panel zum Thema „Digitalisierung - eine
Herausforderung für alle Phasen der Lehrerinnenbildung“. PD Dr. Nicola König und Johanna
Brüggemann rückten gemeinsam mit Vertretern des Studienseminars für Gymnasien in Marburg (Stefan Pfeuffer und Stefan Höhbusch) und der Hessischen Lehrkräfteakademie (Markus Pleimfeldner) den Blick auf die Veränderungen und Herausforderungen der Digitalisierung in der Lehrkräfteausbildung. So konnten Vertreterinnen und Vertreter aller Phasen der Lehrkräftebildung ihre Sichtweise präsentieren und Schnittstellen zur Unterstützung des individuellen Professionalisierungsprozesses herausarbeiten.
Dominique Roitzsch-Pröhl gab unter dem Titel „Universitäre Lehrerinnenbildung zwischen Schule und Schule?“ Einblick in ihr Dissertationsvorhaben mit der zentralen Fragestellung „Wie entwickeln Lehramtsstudierende im Rahmen ihrer individuellen Biografie Reflexivität? Und wie kann das Studium bzw. die erste Praxisphase bei der Entwicklung ebendieser unterstützen?“ Die Tagungspause wurde gefüllt mit einer virtuellen Sporteinheit des Marburger Hochschulsports und einem Wunschkonzert mit Lieblingsliedern der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Zum Ausklang der Veranstaltung bot das Fast-Forward Theater aus Marburg eine theatralische Reflexion des Tages: Aspekte, Begrifflichkeiten und Kontroversen des Tages wurden aufgenommen und in drei improvisierte, unterhaltsame und amüsante Szenen eingebaut.