Kommentar: Quantitative und qualitative Herausforderungen der Lehrkräftebildung an beruflichen Schulen

Die grundlegende Herausforderung der Lehrkräftebildung an beruflichen Schulen stellt die Rekrutierung geeigneter Studierender dar. Wird dieses quantitative Problem nicht gelöst, sind auch qualitative Verbesserungen nur bedingt wirksam. Mit den Handlungsfeldern Kohärenz des Studiums, Inklusion und Digitalisierung sind die zentralen qualitativen Herausforderungen für die berufliche Lehrkräftebildung ähnlich denen der Allgemeinbildung, wobei diese bildungsgangsspezifische Schwerpunkte aufweisen.

Prof. Dr. Carolin Frank (links) und Prof. Dr. Manuela Niethammer (rechts)

Prof. Dr. Carolin Frank (links) und Prof. Dr. Manuela Niethammer (rechts)

© Prof. Dr. Carolin Frank (links), Michael Kretzschmar (rechts)

Ein Kommentar von Carolin Frank und Manuela Niethammer

Die öffentliche Debatte zur schulischen Berufsausbildung orientiert vor allem auf den quantitativen Mangel: beklagt wird der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften, an ausbildungsreifen Jugendlichen oder an ausreichend ausgestatteten Lehrräumen. Diese Fokussierung verweist auf die Logik der zugrundeliegenden Problemstruktur. Werden quantitative Probleme nicht gelöst, sind auch qualitative Verbesserungen nur bedingt wirksam. Folglich muss die Rekrutierung von Studierenden ein Schwerpunkt für die Lehrkräftebildung für berufliche Schulen sein. Besonders prekär ist die Situation in den gewerblich-technischen Domänen.

Rekrutierung Studierender der Ingenieur- und MINT-Studiengänge

Lösungsansätze werden gegenwärtig in der Rekrutierung Studierender der Ingenieur- und MINT-Studiengänge gesehen. In dieser Gruppe ist ein hinreichend großes Potential an Studierenden vertreten, die ingenieurtypische mit sozialen Interessen verbinden und damit die motivationalen Voraussetzungen für eine Tätigkeit als Lehrperson mitbringen. Studien zu der Rekrutierungsproblematik stützen die Annahmen, dass die Ansprache erfolgreicher, fachwissenschaftlicher Bachelorstudierender zu höheren Immatrikulationszahlen in Lehramtsstudiengängen führen. Für eine nachhaltige Studierendenrekrutierung sind zudem Unterstützungsangebote in der Studieneingangsphase zu etablieren, über die lehramtsbezogene Studienentscheidungen gefestigt werden können. Nachweisbar wirksame Konzepte sollten skalierbar und flächendeckend einsetzbar sein.

Kohärenz des Studiums

Für die qualitative Weiterentwicklung der berufsbildenden Lehramtsstudiengänge liegen die Herausforderungen ähnlich wie bei allgemeinbildenden Lehramtsstudiengängen in den Bereichen: Kohärenz des Studiums, Inklusion und Digitalisierung.

Die kohärente Ausgestaltung eines Studiengangs für das berufsbildende Lehramt ist eine besonders komplexe Aufgabe. Berufliche Fachrichtungen beziehen sich häufig auf mehrere wissenschaftlichen Bezugsdisziplinen. Zudem müssen Bezüge zur künftigen Schulpraxis wie auch zur beruflichen Arbeitspraxis der Adressaten berufsbildender Schulen hergestellt werden. Zur Erhöhung der Kohärenz sind u. a. geeignete Lehrveranstaltungen zu entwickeln, welche die verschiedenen fachwissenschaftlichen Bezugsdisziplinen und die Berufspraxis aufgreifen und reflektieren.

Angesichts geringer Studierendenzahlen verzichten viele Universitäten auf den Ausbau der Didaktiken der Beruflichen Fachrichtungen und realisieren die Ausbildung über die Didaktiken allgemeinbildender Fächer. Diese fokussieren jedoch kaum auf die Gestaltung von berufsbildenden Lernumgebungen. Die enorme Diskrepanz zwischen normativen Ansprüchen des Lernfeldkonzeptes und der Unterrichtsrealität an berufsbildenden Schulen kann auf diese Weise nicht reduziert werden. Dies stellt jedoch die Grundlage dafür dar, dass in Zukunft in den Berufsschulen Herausforderungen wie die der Digitalisierung oder der Inklusion erfolgreich bewältigt werden.

Personalisierte Lernwege

Wenngleich der Umgang mit Heterogenität in der beruflichen Ausbildung kein neues Phänomen ist, sind Handlungsstrategien, die auf die Gestaltung einer inklusiven Berufsbildung zielen, nicht in der Breite der Lehrerschaft verfügbar bzw. umsetzbar. Die konsequente Ausrichtung der Berufsausbildung an den Lernmöglichkeiten und Potenzialen der Individuen, setzt Transformationsprozesse auf allen Ebenen der Bildungsgestaltung voraus. Lehrkräfte als Experten für Lehr-Lernprozesse müssen personalisierte Lernwege einschließlich der individuellen Förderung ermöglichen und koordinieren. Hierfür sind Inhalte und Ausbildungsformate für die Lehrerbildung anzupassen.
Unterricht an berufsbildenden Schulen sollte die an Dynamik gewinnenden Entwicklungen in der Berufspraxis widerspiegeln. Insofern müssen Lehrkräfte die für die Berufspraxis relevanten, digitalen Technologien einerseits als Lerngenstände aufbereiten und andererseits für die Gestaltung von Lehr-Lernprozessen nutzen können. Diese Integration wird nur gelingen, wenn Lehrkräfte Erfahrung im Umgang mit den Technologien haben. Die Voraussetzungen hierfür sind in der universitären Lehrerbildung zu schaffen.



Prof. Dr. Carolin Frank hat die Professur für Didaktik der Technik an der Fakultät für Maschinenbau und Sicherheitstechnik der Bergischen Universität Wuppertal inne. Sie verantwortet die fachdidaktische Lehre der Beruflichen Fachrichtungen Maschinenbautechnik, Chemietechnik, Bautechnik, Elektrotechnik und Druck- und Medientechnik.

Prof. Dr. Manuela Niethammer hat eine Professur für Bautechnik, Holztechnik sowie Farbtechnik und Raumgestaltung/Berufliche Didaktik an der Technischen Universität Dresden inne. Sie verantwortet zudem die Berufliche Fachrichtung Labor- und Prozesstechnik sowie die Didaktik der Chemie.