Kommen Lehrer an Gymnasien vom Mars und Lehrer an beruflichen Schulen vom Mond?

Das Projekt MINTplus der Technischen Universität Darmstadt hat die Zugangswege und berufsbezogenen Einstellungen von Studienanfängern im Lehramt an Gymnasien und an beruflichen Schulen verglichen. Prof. Dr. Birgit Ziegler und Josephine Berger stellen die Ergebnisse der Studie, insbesondere im Hinblick auf die aktuelle Diskussion um Quereinstiege in den Lehrerberuf, vor.

mehrere Studierende stehen und sitzen in einer Laborsituation um einen Tisch herum

Die TU Darmstadt vergleicht Zugangswege und berufsbezogene Einstellungen von Studienanfängern im Lehramt an Gymnasien und an beruflichen Schulen

© BMBF/Alexandra Roth

Von Birgit Ziegler und Josephine Berger

Mit Zuspitzungen lässt sich leichter ein Bestseller landen als mit differenzierten Analysen, die vermeintlich Eindeutiges eher hinterfragen. Ein wenig folgen wir diesem Kalkül, wollen es aber sodann beim reißerischen Titel belassen und hier keine Differenz betonen, sondern stattdessen einen forschenden Blick auf zwei Lehrämter werfen, die anforderungsseitig Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweisen und herausfinden, wie sich dies bei Studierenden verhält.

Erstaunlicherweise gibt es kaum Untersuchungen, die systematisch das Lehramt an Gymnasien mit dem Lehramt an beruflichen Schulen vergleichen, wenngleich es sich jeweils um Lehrämter der Sekundarstufe II handelt, die auch laufbahnrechtlich gleichgestellt sind. Hinsichtlich der Vorgaben für das Studium und vor allem beim Tätigkeitsfeld gibt es allerdings erhebliche Unterschiede zwischen beiden Lehrämtern.

Eingangsbefragungen untersuchen Zugangswege und berufsbezogene Einstellungen

Die strukturellen Bedingungen lassen unterschiedliche bildungsbiografische Zugangswege der Studierenden erwarten – mitunter trägt dazu die historisch gewachsene Trennung zwischen dem beruflichen und allgemeinem Bildungssystem bei. Weiterhin wäre interessant, ob sich unterschiedliche Bildungsbiografien in den Einstellungen von Studienanfänger*innen beider Lehrämter niederschlagen, und wenn ja, in welcher Weise.
Beispielhaft soll dies anhand von Daten aus drei Eingangsbefragungen untersucht werden, die seit dem Wintersemester 2016/17 im Rahmen des MINTplus Programms an der TU Darmstadt bei Studienanfänger*innen beider Lehrämter durchgeführt wurden. Konzeptionell orientiert sich die Studie am Theoriemodell von Blüthmann et al. 2008. Die Stichprobe setzt sich in der Summe aus 250 Studierenden des Lehramts an Gymnasien (LaG) und 101 Studierenden des Lehramts an beruflichen Schulen (LaB) zusammen. Letzteres wird an der TU seit 2004 konsekutiv angeboten. Unter den LaB-Studierenden finden sich daher 16 Datensätze von Quereinsteiger*innen, die aufgrund ihrer Voraussetzungen direkt auf Masterniveau beginnen. Alle anderen studieren grundständig. Bachelor of Education (B.Ed.) belegen zunächst eine technische oder gewerbliche berufliche Fachrichtung, Master of Education (M.Ed.) sind dagegen im Unterrichtsfach eingeschrieben. Abweichend davon belegen LaG-Studierende von Beginn an zwei Fächer und schließen in Hessen mit dem ersten Staatsexamen ab. Über die schriftliche Befragung wurde etwas mehr als 50 Prozent der Grundgesamtheit erreicht.

Studierendengruppen unterscheiden sich bildungsbiografisch deutlich

Die in der Tabelle zusammengefassten Daten belegen die Erwartung sich bildungsbiografisch deutlich unterscheidender Studierendengruppen. Ebenso weisen die Bildungswege der Gruppe der Studierenden des Lehramts an beruflichen Schulen, sowohl der Bachelor- als auch der Master-Studierenden, mehr Ähnlichkeiten auf, als zwischen LaB und LaG. Master-Studierende der LaB-Gruppe müssen jedoch für den Quereinstieg einen ersten Studienabschluss vorweisen und benötigten dafür im Mittel 8,7 Semester, während die anderen Zweitstudierenden im Mittel 4,1 Semester (LaG) oder 4,7  Semester (B.Ed) in einem anderen Studiengang eingeschrieben waren und vermutlich meistens einen Studiengangwechsel vollzogen. Innerhalb der LaB-Gruppe erwarben die Masterstudierenden die Hochschulzugangsberechtigung auch häufiger über den gymnasialen Weg als Bachelorstudierende. In der Regel waren die Studierenden der LaB-Gruppe schon berufstätig, während dies nur für einen kleinen Teil der LaG-Studierenden zutrifft. Letztere münden mehrheitlich über den klassischen gymnasialen Bildungsweg direkt in das Lehramtsstudium ein. Die Zugangswege spiegeln sich in den Altersunterschieden der drei Gruppen wider.     

Tabelle zur Studie der TU Darmstadt

Bildungs- und berufsbiografische Merkmale nach Studierendengruppe

© TU Darmstadt

Ansonsten gibt es wenige Auffälligkeiten zwischen den Gruppen. Nur insgesamt 11 der Befragten sind schon Eltern. Etwa zwei Drittel der Stichprobe planen, während des Studiums erwerbstätig zu sein beziehungsweise einem Job nachzugehen. In der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, das Studium auch erfolgreich abzuschließen, zeigen sich die Quereinsteiger*innen in den Master mit 89 Prozent etwas entschlossener als die Studienanfänger*innen des Lehramts an Gymnasien und Bachelor, die im Mittel mit 78 Prozent angeben. LaG-Studierende informierten sich vor dem Studium im Mittel über vier Informationsquellen, während LaB-Studierende im Mittel drei Quellen nutzten. 

Lehramtsstudierende erfahrungsgemäß intrinsisch motiviert und fokussiert auf den Beruf

Interessant ist nun, ob sich die Studierendengruppen hinsichtlich der allgemeinen Studienmotivation sowie im Hinblick auf die Studien- und Berufswahl unterscheiden. Erfasst wurden weiterhin berufsbezogene Selbstwirksamkeitserwartungen, die reflexive Haltung der Studierenden sowie die Persönlichkeitsorientierung. Erwartungsgemäß sind die Lehramtsstudierenden vor allem intrinsisch motiviert, fokussierter auf den Lehrerberuf als ganz allgemein für ein Hochschulstudium. Der Umgang mit jungen Menschen, erzieherisch wirksam sein zu wollen, Interesse am Vermitteln und das Interesse an den Unterrichtsfächern erhalten eine hohe Zustimmung. Der soziale Status, die finanzielle Sicherheit und gute Einstellungschancen werden dagegen als wenig bedeutsam für die Studienwahl eingeschätzt werden. Sie haben optimistische Selbstwirksamkeitserwartungen hinsichtlich ihres künftigen Tätigkeitsfeldes, sind interessiert an Reflexion, eher zurückhaltend in ihren Einschätzungen zur Relevanz erziehungswissenschaftlicher Theorien, aber auch nicht ausgeprägt persönlichkeitsorientiert.      

Um jedoch der Frage nach Unterschieden in Motiven und Überzeugungen nachzugehen, wurden B.Ed. und M.Ed. zur Gruppe der Studierenden des Lehramts an beruflichen Schulen zusammengefasst. Zusätzlich wurden die Studierenden des Lehramts an Gymnasien abhängig von der Fächerkombination kategorisiert. Für Mittelwertanalysen ergeben sich dadurch vier zahlenmäßig in etwa gleich besetzte Gruppen: Die LaB-Gruppe mit N=101 und die LaG-Studierende mit einer Kombination aus einem MINT/Nicht-MINT Fach mit N= 98, zwei Nicht-MINT-Fächer belegen 72 LaG-Studierende und 76 studieren zwei MINT-Fächer. Vier LaG-Studierende konnten wegen fehlender Angaben nicht zugeordnet werden. Die Verteilung weiblicher und männlicher Studierenden ist in allen Gruppen ausgeglichen. Zum Vergleich der vier Fachgruppen wurden Varianzanalysen durchgeführt.

Studierende mit zwei MINT-Fächern zeigen höchste intrinsische Motivation für ein Hochschulstudium

Diese ergaben insgesamt nur wenige signifikante Unterschiede zwischen den vier Gruppen. Lediglich die Studierenden des Lehramts an Gymnasien mit zwei MINT-Fächern stimmen der Aussage, dass es für sie nie in Frage stand zu studieren, gegenüber allen anderen Gruppen am deutlichsten zu und zeigen die höchste intrinsische Motivation für ein Hochschulstudium. Der größte Abstand besteht hier zu den Studierenden des Lehramts an beruflichen Schulen, die im Studieren an sich weniger Wert erkennen. Alle anderen Gruppen liegen dazwischen. Bei den Studien- und Berufswahlmotiven erhält das Motiv, der Lehrerberuf biete viele Herausforderungen, wiederum von den LaB-Studierenden signifikant mehr Zustimmung als von den LaG-Studierenden. Signifikante Unterschiede bestehen zudem innerhalb der LaG-Studierenden, vor allem zwischen der Gruppe mit zwei MINT-Fächern und der Gruppe, die kein MINT-Fach belegen. Demnach sind für Letztere extrinsische Motive, insbesondere die finanzielle Sicherheit, bedeutsamer und sie lehnen die Aussage, das Lehramtsstudium auch gewählt zu haben, weil sie als Fachwissenschaftler*innen geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, am wenigsten ab. Im Vergleich zur MINT-MINT-Gruppe wählen sie das LaG-Studium auch weniger aus fachinhaltlichem Interesse. Sehr ähnlich sind sich die vier Gruppen dagegen in den Selbstwirksamkeitserwartungen, der Haltung zu erziehungswissenschaftlichen Theorien, der reflexiven Haltung und der Überzeugung zur Relevanz von Persönlichkeit im Lehrerberuf.

Studien- und berufsbezogene Motive sowie berufsbezogene Überzeugungen der Lehrämter stimmen weitgehend überein

Bilanzierend lässt sich somit sagen, wenngleich LaG-Studierende und LaB-Studierende bildungsbiografisch vielfach noch aus unterschiedlichen Sphären kommen, stimmen sie in ihrer studien- und berufsbezogenen Motivlage und in berufsbezogenen Überzeugungen doch weitgehend überein. Auch die kleine Gruppe der Quereinsteiger*innen hebt sich darin nicht von den grundständig Studierenden ab, was im Hinblick auf die aktuelle Diskussion um Quereinstiege in den Lehrer*innenberuf ein interessanter erster Hinweis sein könnte.

    

Birgit Ziegler hat die Professur für Berufspädagogik und Berufsbildungsforschung am Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik der Technischen Universität Darmstadt inne. Sie leitet die Evaluation der Eignungsberatung im Projekt MINTplus.
Josephine Berger ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts. Ihr Forschungsinteresse gilt der Erfassung der Selbstreflexion von Lehrkräften sowie der Entwicklung von Kompetenztrainings in MINTplus.