Islamische Religionspädagogik als schulische Normalität – Fahimah Ulfat im Gespräch mit dem Jenaer Projekt PROFJL2

Was zeichnet jene schulische Realität aus, auf die wir Lehramtsstudierende professionell vorbereiten wollen? Auch wenn die Bedingungen in Thüringen andere sind als beispielsweise in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg, hat sich im Lernbereich "Religion/Werte/Ethik“ in den zurückliegenden Jahrzehnten eine geänderte Normalität entwickelt, die es wahrzunehmen gilt. Dazu sprach Prof. Dr. Fahimah Ulfat mit dem Jenaer Projekt.

Eine junge muslimische Frau sitzt vor einer Bücherwand und schaut in die Kamera

Prof. Dr. Fahimah Ulfat/Herbart-Professorin an der Universität Jena 2021 ist der Gesprächsrunde digital zugeschaltet

© FSU Jena

Von Ralf Koerrenz

Professionalisierung der Nachwuchsförderung im Gespräch
Den Rahmen für die Gespräche bildete das Format der Johann-Friedrich-Herbart-Gastprofessur, zu der von ProfJL alljährlich eine renommierte wissenschaftliche Persönlichkeit als Gast eingeladen wird. Die Herbart-Gastprofessur ist ein wichtiger Bestandteil des von der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" geförderten Jenaer Projekts. In diesem Jahr zeichnete das Promotionskolleg "Bildung, Forschung, Dialog“ unter der Leitung von Prof. Dr. Mirka Dickel (Geographiedidaktik) und Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz (Globale Bildung) für die Organisation und Durchführung der Gastprofessur verantwortlich.

Diesjähriger Gast war die Tübinger Professorin für Islamische Religionspädagogik, Prof. Dr. Fahimah Ulfat, die Anfang Juni drei Tage lang mit Vertretern und Vertreterinnen aus der Fachdidaktik und den Bildungswissenschaften des Jenaer Projektes ProfJL2 - Professionalisierung von Anfang an im Jenaer Modell der Lehrerbildung - diskutierte.

In nicht-öffentlichen Gesprächen fand ein intensiver Austausch von Fahimah Ulfat mit den verschiedenen Teilprojekten von ProfJL statt. Exemplarisch steht hierfür das Gespräch mit den Promovierenden des Kollegs. In dieses Gespräch brachte sich Ulfat nicht nur als Fachwissenschaftlerin, sondern auch als eine Art Rollenmodell ein. Mit großem Interesse nahmen die Promovierenden die Karriereschritte der Religionspädagogin zur Kenntnis, hatte Ulfat doch selbst einst im Rahmen eines Kollegs promoviert. Im intensiven Austausch wurden Punkte sichtbar, wie auch eine Professionalisierung der Nachwuchsförderung von Anfang an Konturen gewinnen kann.

Es gibt zweifelsohne im Islam – wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – demokratiefeindliche oder zumindest demokratieskeptische Strömungen. Das ist jedoch eine deutliche Minderheit und es gibt sowohl wissenschaftlich wie in der gelebten Alltagspraxis etablierte Deutungsmuster einer Wertschätzung der Demokratie durch den und im Islam.“

Prof. Dr. Fahimah Ulfat

Demokratiebildung und Islamische Religionspädagogik
Große Aufmerksamkeit erlangten im Rahmen der digital durchgeführten Veranstaltungen der öffentliche Festvortrag zu Beginn und das Symposium zur Zukunft der Lehrkräftebildung zum Abschluss der Gastprofessur. In ihrem Festvortrag widmete sich Fahimah Ulfat zu Beginn der Gastprofessur dem konfliktträchtigen Thema "Demokratiebildung im / durch den Islam“. In Auseinandersetzung mit den vielfach immer noch (und zu Unrecht) bestehenden Klischees einer prinzipiellen Demokratiefeindlichkeit des Islam betonte die Religionspädagogin: „Es gibt zweifelsohne im Islam – wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – demokratiefeindliche oder zumindest demokratieskeptische Strömungen. Das ist jedoch eine deutliche Minderheit und es gibt sowohl wissenschaftlich wie in der gelebten Alltagspraxis etablierte Deutungsmuster einer Wertschätzung der Demokratie durch den und im Islam.“ Das von Ulfat entworfene Spektrum dieser Deutungsmuster reichte dabei von einer Begründung von Demokratie und Demokratiebildung aus dem Selbstverständnis des Islam über den Koran selbst bis hin zu der Bestimmung einer konstruktiven Rolle des Islams im Rahmen eines säkularen Staates. Die islamische Religionspädagogik könne an diese Deutungen anknüpfen und müsse diese theoretisch wie praktisch in die religionspädagogische Bildung angehender Lehrkräfte integrieren.

Zukunft der Lehrerkräftebildung im Dialog

Im abschließenden Symposium zur Zukunft der Lehrkräftebildung entfaltete Ulfat die Perspektiven einer islamischen Religionspädagogik als selbstverständliche Element einer neuen Normalität im Bereich "Religion / Werte / Ethik“. Parallel hierzu skizzierte die Mathematik-Didaktikerin Prof. Dr. Anke Lindmeier Konturen von Reformen, um die Bedeutung der Fachlichkeit in der Schule auch künftig absichern zu können. Feedbacks von drei "Critical Friends“ sowie eine angeregte Abschlussdiskussion zeigten, dass das dialogisch angelegte Konzept der Herbart-Professur zu vielen Gedankenanstößen geführt hat.

Prof. Dr. Dr. Ralf Koerrenz lehrt als Professor für Historische Pädagogik und Globale Bildung am Institut für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena