Fokus: Inklusion in der beruflichen Bildung – hochschulische Curricula und inklusionsbezogene Lehrformate für zukünftige Lehrkräfte an beruflichen Schulen

Zur Ausgestaltung einer Schule der Vielfalt stellt die Veränderung der Curricula, die Konzeptionierung von inklusionsbezogenen Lehrangeboten und Lehrformaten in der Ausbildung beruflicher Lehrkräfte eine grundlegende Voraussetzung dar. In Münster konnten ausgehend von der Professur "Berufliche Bildung mit dem Schwerpunkt Inklusion" der Fachhochschule und in Kooperation mit dem QLB-Projekt "Dealing with diversity" der Universität entsprechende Konzepte entwickelt werden.

Zur Ausgestaltung einer Schule der Vielfalt ist die Entwicklung inklusionsbezogener Lehrangebote in der Ausbildung beruflicher Lehrkräfte grundlegend.

Zur Ausgestaltung einer Schule der Vielfalt ist die Entwicklung inklusionsbezogener Lehrangebote in der Ausbildung beruflicher Lehrkräfte grundlegend.

© FH Münster/Johannes Breuer

Von Ursula Bylinski

Ausgehend von einem Inklusionsverständnis, das auf einem menschenrechtlichen Prinzip basiert und an dem Leitbild der Deutschen UNESCO-Kommission anknüpft, gilt es, allen Menschen die gleichen Möglichkeiten zu bieten an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben, unabhängig von ihren jeweiligen Dispositionen. In der beruflichen Bildung können wir dabei auf bewährte Konzepte und Instrumente aus der beruflichen Rehabilitation und Integrationsförderung aufbauen und diese im Sinne von Inklusion weiterentwickeln.

Lehrformate adressieren grundlegende Fragen der Inklusion in der beruflichen Bildung

Am Hochschulstandort Münster konnten in den bildungswissenschaftlichen Modulen des Bachelor- und Masterstudiengangs des beruflichen Lehramtsstudiums additive und integrative Lehrformate konzipiert werden, die inhaltlich aufeinander aufbauen und grundlegende Fragen der Inklusion in der beruflichen Bildung thematisieren. Den Rahmen zur Entwicklung hochschuldidaktischer Konzepte bildet der Ansatz einer reflexiven pädagogischen Professionalisierung. Dieser fördert die Herausbildung von (Selbst-)Reflexion, die zur Entwicklung einer inklusionsbejahenden Haltung und für den Erwerb inklusionsbezogener Kompetenzen als besonders relevant betrachtet wird.

Davon ausgehend nehmen alle Lehrangebote den Erwerb von fachlichen Kenntnissen zur Inklusion im Kontext beruflicher Bildung auf, beziehen die Anwendung entsprechender Methoden und Instrumente mit ein und fokussieren die (Selbst-)Reflexion pädagogischen Handelns. Neben der dozentenzentrierten Interaktionsform wird vor allem selbstgesteuertes und kooperatives Lernen gefördert sowie Fallarbeit in Form von textlichen Fallvignetten einbezogen. Dadurch soll eine diskursive und systematische Reflexion von theoriegeleiteten Zugängen und ihre Umsetzung im pädagogischen Handlungskontext (Theorie/Praxis-Reflexion) hergestellt werden.

Angebote zur Reflexion theoriegeleiteter Zugänge und deren Umsetzung im pädagogischen Handlungskontext

Die Lehrveranstaltung "Grundlagen inklusiver Berufsbildung" setzt thematische Schwerpunkte, die sich aus dem spezifischen Inklusionsverständnis, dem erziehungswissenschaftlichen Theoriezugang und aus dem spezifischen Handlungsfeld der beruflichen Bildung ableiten. Zur thematischen Erweiterung und zur Konkretisierung pädagogischen Handelns sind zudem Lehrangebote mit spezifischen Themenstellungen entwickelt worden. Das Seminar "Entwicklung einer ressourcenorientierten Perspektive" hat beispielsweise zum Ziel, durch gezielte Übungen, eigene Ressourcen und selektive Wahrnehmungsphänomene zu erkennen sowie subjektive Interpretationen zu hinterfragen, Ressourcenfragen zu entwickeln, eine lösungsfokussierte Fragetechnik kennenzulernen, Erwartungshaltungen zu reflektieren sowie Chancen von Teamarbeit und Kooperation zu erkennen. Ebenso knüpft das Seminarkonzept "Inklusive (prozessorientierte) Diagnostik in der beruflichen Bildung" an ähnlichen Fragestellungen an, um bei den Studierenden ein Diagnostikverständnis zu entwickeln, das immer mit Blick auf pädagogisches Handeln seine Relevanz erhält.

Weitere Lehrveranstaltungen stellen konkrete, inklusive Konzepte an der beruflichen Schule in den Mittelpunkt, mit der Intention, eine reflexive Praxis zu ermöglichen. So erproben und diskutieren Studierende in der Blockveranstaltung mit Exkursion "Inklusion konkret: Konzepte der Ausbildungsvorbereitung und Berufsausbildung" die Rahmensetzung für inklusive Konzepte der Berufsvorbereitung und der dualen Ausbildung und lernen die konkrete Ausgestaltung inklusiver Elemente kennen.

Bezugsdisziplinen  im Kontext inklusionsorientierter Curricula stärker verknüpfen

Zukünftige Aufgaben werden darin gesehen, die Bildungswissenschaften, die Fachdidaktik der beruflichen Fachrichtungen und die Fachwissenschaften im Kontext inklusionsorientierter Curricula noch stärker miteinander zu verknüpfen. Neben der spezifischen Bearbeitung von Inklusion, soll diese auch als integratives Element in allen Lehrformaten aufgenommen und stärker als Querschnittsthema etabliert werden.
 

Zur Weiterentwicklung der an mehreren Standorten im Rahmen der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" entstandenen hochschuldidaktischen Konzepte hat sich 2016 die Arbeitsgruppe "Inklusion und Umgang mit Heterogenität in der beruflichen Bildung" gebildet, in der sich Vertreterinnen und Vertreter aus sieben Hochschulen engagieren. Eine kontinuierliche Zusammenarbeit förderte den fachlichen Austausch und projektbezogene Entwicklungen konnten übergreifend multiperspektivisch reflektiert werden. Dies ermöglichte, die unterschiedlichen theoretischen und konzeptionellen Ansätze zusammenzuführen und weiteren Entwicklungs- und Forschungsbedarf zu explizieren.

   

Prof. Dr. Ursula Bylinski lehrt und forscht im Bereich Berufliche Bildung mit dem Schwerpunkt Didaktik inklusiven Unterrichts am Institut für Berufliche Lehrerbildung (IBL) der FH Münster. Im Herbst 2018 wurde sie in die Enquete-Kommission "Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt" des Deutschen Bundestages berufen.