Gesundheitsförderliche Kompetenzen in der Lehrkräfteausbildung weiterentwickeln – ein multiprofessionelles Entwicklungsteam aus Lüneburg schafft hierzu Lerngelegenheiten

Angehende Lehrkräfte werden im Rahmen ihres Professionalisierungsprozesses bislang noch nicht ausreichend auf die Regulation und Bewältigung von negativen Belastungen im Berufsalltag vorbereitet. Das Entwicklungsteam des Handlungsfelds Lehrkräftegesundheit im Projekt ZZL-Netzwerk an der Leuphana Universität erarbeitet Lerngelegenheiten, um die Gesundheitskompetenz und Gesundheitsförderung (angehender) Lehrkräfte zu optimieren.

Mehrere Personen bei einer digitalen Besprechung

Das multiprofessionelle Entwicklungsteam des Handlungsfelds Lehrkräftegesundheit im aktuellen, digitalen Arbeitsformat (zwei Mitglieder fehlen).

© Elena Hohensee

von Elena Hohensee und Stephan Schiemann

Um gute Schulen zu entwickeln, bedarf es gesunder, engagierter und leistungsfähiger Lehrkräfte. Der Lehrkräfteberuf geht mit einer Vielzahl an Belastungsfaktoren einher, die sich je nach individueller Bewertung und Bewältigungsmöglichkeiten negativ auf die Gesundheit einer Lehrkraft auswirken beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen erhöhen können. Studien zeigen in Bezug auf das berufliche Erleben und Verhalten von Lehrkräften, dass bereits viele (angehende) Lehrkräfte ungünstige Bewältigungsmuster aufweisen, die sich in einem deutlichen Belastungserleben und einer Gefährdung der psychischen Gesundheit zeigen können. Neben der Bedeutung für die Gesundheit der (angehenden) Lehrkräfte selbst, hängt sie auch mit der Unterrichtsqualität, dem Verhalten der Schülerinnen und Schüler und ihrer individuellen Leistungen zusammen. Folglich sollte die Lehrkräfteausbildung das Ziel verfolgen, Ressourcen zu stärken, die den Umgang mit Belastungsfaktoren erleichtern beziehungsweise dazu führen, dass die Anforderungen nicht als Stress wahrgenommen werden. Dabei helfen beispielsweise die Stärkung der Selbstwirksamkeit, pädagogisch-psychologisches Wissen und das Erlernen von Bewältigungsstrategien.

Bislang gibt es vielfältige Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Stressbewältigung, die sich in verhaltensbezogene und verhältnisbezogene Ansätze unterteilen lassen. Im Kontext der Lehrkräftebildung überwiegen derzeit verhaltensbezogene Maßnahmen, die die (angehende) Lehrkraft und die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten in den Fokus stellen und weniger verhältnisbezogene Maßnahmen, die sich auf die Veränderung beziehungsweise Verbesserung der Arbeitsbedingungen beziehen. Generell ist die Gesundheit als zentraler Teil des Professionsverständnisses von angehenden Lehrkräften zu verstehen, das neben der Vermittlung gesundheitsbezogenem Wissen auch den Aufbau gesundheitsförderlicher Kompetenzen verfolgt.

Das "ZZL-Netzwerk" im Zukunftszentrum Lehrkräftebildung an der Leuphana Universität Lüneburg

Das Projekt "ZZL-Netzwerk" zielt auf die Verbesserung der Lehrkräftebildung durch institutionen- und phasenübergreifende Kooperation. In vier inhaltlichen Handlungsfeldern "Kompetenzorientierter Unterricht", "Inklusion", "Coaching und Mentoring" und "Lehrkräftegesundheit" sollen neue Lösungsansätze entwickelt werden, die eine bessere Verzahnung zwischen Theorie und Praxis ermöglichen und angehende Lehrkräfte auf die Schule von morgen vorbereiten.

Das Handlungsfeld Lehrkräftegesundheit

Das Handlungsfeld Lehrkräftegesundheit verfolgt das Ziel einer stärkeren curricularen und phasenübergreifenden Einbindung und Ausbildung gesundheitsförderlicher Kompetenzen in allen Phasen der Lehrkräftebildung. Dabei sollen vor allem angehende Lehrkräfte stärker auf prototypische Belastungssituationen ihrer bevorstehenden Berufspraxis und ihrer erfolgreichen Bewältigung vorbereitet werden. Ein multiprofessionelles Entwicklungsteam konzipiert und gestaltet hierzu auch auf Basis quantitativer Befragungen didaktische Materialien und Seminare, um die Thematik früher und stärker im Professionalisierungsprozess zu integrieren und gesundheitsförderliche Kompetenzen weiterzuentwickeln.

Multiprofessionelle Zusammenarbeit im Entwicklungsteam Lehrkräftegesundheit

Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal des ZZL-Netzwerks stellt die Zusammenarbeit in Entwicklungsteams dar und bedeutet in diesem Zusammenhang Multiperspektivität sowie phasen- und organisationsübergreifendes Arbeiten. Das derzeitige Entwicklungsteam umfasst neun Personen, darunter eine Studentin, Lehrkräfte verschiedener Schulformen sowie Dienstjahre, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Leuphana Universität und einen Vertreter der Landesschulbehörde. Die gemeinsame Entwicklung, Umsetzung, Reflexion und Verstetigung von didaktischen Materialien und Seminarkonzeptionen finden in regelmäßigen Treffen statt, denen alle Beteiligten einen hohen Mehrwert zuschreiben. Die Universität kann Seminarkonzepte anbieten, die bedarfsgerecht entwickelt werden und besser auf die zukünftige Praxis vorbereiten.

Lernbausteine und ein Masterseminar helfen beim Umgang mit beruflichen Belastungssituationen

Seit 2016 sind im Rahmen der bisherigen Entwicklungsteamarbeit unterschiedliche Produkte entwickelt worden:

Zur Entwicklung von Lernbausteinen zum Umgang mit beruflichen Belastungssituationen wurden aus unterschiedlichen Settings des Lehrkräfteberufs mögliche Belastungssituationen identifiziert und in prototypische Fallbeschreibungen überführt. Diese ermöglichen, die Situation unter gesundheitstheoretischer Perspektive zu reflektieren und zu analysieren. Darüber hinaus werden Planungs- und Handlungsstrategien zur Auflösung der Belastungssituation und zur Gesundheitsförderung in der Schule entwickelt. Jeder Lernbaustein besteht aus einem Rahmenpapier, einer Fallbeschreibung, formulierten Reflexionsfragen und Arbeitsaufträgen sowie den vom Entwicklungsteam beispielhaft entwickelten Planungs- und Handlungsalternativen zur Auflösung der Belastungssituation.

Die Alternativen sollen nicht allgemeingültig zu verstehen sein, sondern vielmehr Beispiele und Impulse darstellen, die dazu genutzt werden können, die individuellen Bewältigungsstrategien zu entwickeln und zu festigen. Das Rahmenpapier zeigt Einsatzmöglichkeiten der Lernbausteine auf und beinhaltet Hintergrundinformationen für die Aufbereitung und Arbeit mit ebendiesen. Bisher wurden mehrere Lernbausteine formuliert, die sich auch an den Kompetenzstandards für die Lehrkräftebildung orientieren und in dieser eingesetzt werden können.

Mehrere Personen betrachten eine Folie bei einer digitalen Besprechung

Das multiprofessionelle Entwicklungsteam erarbeitet gemeinsam Handlungsalternativen auf der Ebene der Lehrkraft zur Auflösung einer prototypischen Belastungssituation.

© Elena Hohensee

Zudem wurde ein ins Curriculum verankertes Masterseminar zur Gesundheitsförderung von angehenden Lehrkräften in belastenden (Unterrichts-)Situationen konzipiert. Dabei bilden die entstandenen Lernbausteine gemeinsam mit den theoretischen und empirischen Grundlagen zur (Lehrkräfte-)Gesundheit und zu berufsbezogenen Bewältigungsstrategien die Seminarschwerpunkte. Als übergeordnete Zielstellung sollen Lehramtsstudierende zur eigenständigen Regulation und Bewältigung von negativen Belastungssituationen im Berufsalltag befähigt werden. Als innovatives Seminarprodukt bereiten die Studierenden ihre wissenschaftliche Reflexion einer prototypischen Belastungssituation und ihrer entwickelten Planungs- und Handlungsstrategien in Form eines Audiopodcast digital auf.

Perspektiven der Entwicklungsteamarbeit

Die Lernbausteine wurden flexibel einsetzbar konzipiert und sollen anderen lehrkräftebildenden Institutionen zur Verfügung gestellt werden. Auch die Studierendenpodcasts aus dem Masterseminar sollen langfristig mit dem Einverständnis der Produzentinnen und Produzenten (Seminarteilnehmenden) anderen (angehenden) Lehrkräften zur Verfügung gestellt werden. Das Anhören der Podcasts stellt gleichzeitig eine informelle Lerngelegenheit dar. Derzeit werden Möglichkeiten der Vervielfältigung diskutiert. Die derzeitige Entwicklungsteamarbeit fokussiert zudem die stärkere phasenübergreifende Einbindung und Ausbildung zwischen Universität und Studienseminar. Angelehnt daran arbeitet das Entwicklungsteam an einer Seminarkonzeption zur Gesundheitsförderung von Lehrkräften im Vorbereitungsdienst.



Elena Hohensee ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Projekt ZZL-Netzwerk im Handlungsfeld Lehrkräftegesundheit an der Leuphana Universität Lüneburg. In der Forschung beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit der Gesundheit und dem beruflichen Bewältigungsverhalten von angehenden Lehrkräften.

Stephan Schiemann ist Professor für Sportwissenschaften und Leiter des Handlungsfelds Lehrkräftegesundheit im Projekt ZZL-Netzwerk an der Leuphana Universität Lüneburg. Seine Arbeitsschwerpunkte beziehen sich auf körperliche Aktivität im Kontext der Gesundheitsförderung sowie trainingswissenschaftliche Studien zum Kraft- und Beweglichkeitstraining.