"Experiment Beheimatung" – schulische und hochschulische Bildung im Kontext kultureller, religiöser und weltanschaulicher Pluralität

Unter der Überschrift "sharing heritage" werden an der Technischen Universität Dortmund Lernsettings erprobt, die kulturelles Erbe für heterogene Gruppen gemeinsam erfahrbar machen. Außerschulische Lernorte sind hierfür wichtige Laborräume, um gemeinsam Sprachfähigkeit und Partizipation im Spannungsfeld kultureller, religiöser und weltanschaulicher Vielfalt zu verwirklichen.

"Sharing Heritage" im Essener Münster: Gemeinsam wird der Siebenarmige Leuchter analysiert, kunsthistorische Informationen vermittelt und die Perspektiven verschiedener Religionen ausgetauscht und besprochen.

"Sharing Heritage" im Essener Münster: Gemeinsam wird der Siebenarmige Leuchter analysiert, kunsthistorische Informationen vermittelt und die Perspektiven verschiedener Religionen ausgetauscht und besprochen.

© Lehrstuhl für Kunstgeschichte, Technische Universität Dortmund

Von Janieta Bartz, Britta Konz, Christopher Kreutchen und Barbara Welzel

Infolge von Globalisierung, Migration und Flucht ist der größte Teil der Menschheit "in Kontaktzonen ansässig" (Mary Louise Pratt), wo Menschen mit unterschiedlichen und vielschichtigen kulturellen, religiösen und weltanschaulichen Verortungen zusammentreffen und sich beheimaten. Dabei können sie sich gegenseitig bereichern, sich herausfordern, aber auch in Konflikt geraten. In Migrationsgesellschaften muss schulische ebenso wie hochschulische Bildung deshalb zwangsläufig im Kontext kultureller, religiöser und weltanschaulicher Pluralität gedacht werden. In den Spannungsfeldern zwischen Kulturen, weltanschaulicher und religiöser Vielfalt gilt es, Sprachfähigkeit zu lernen und zu lehren sowie Partizipation zu verwirklichen. Hierbei stellt sich auch die Frage nach Beheimatung und einer kollektiven Erinnerungskultur, die Überliefertes für die Gegenwart erschließt und gleichzeitig der Stimmenpluralität gerecht wird. In diesen Koordinaten lässt sich eine der großen Herausforderungen zeitgemäßer Lehrerinnen- und Lehrerbildung kartieren.

Reallabor für migrations- und machtsensibles Unterrichten

Das Themenfeld "Kulturelle Teilhabe" in DoProfiL, dem Projekt "Dortmunder Profil für inklusionsorientierte Lehrer- und Lehrerinnenbildung" der Technischen Universität Dortmund in der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung", öffnet unter der Überschrift "sharing heritage" – dem europaweiten Motto zur Eröffnung kultureller Teilhabe – Lernräume, in denen sich Studierende sowie Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern sowie Hochschullehrenden unterschiedlicher Fächer begegnen. Partner ist seit 2016 "Adam’s Corner", ein Lern- und Begegnungsort für junge Geflüchtete in Dortmund. Regelmäßig werden hier Veranstaltungen mit Gruppen von Schülerinnen und Schülern durchgeführt – in den ersten Jahren ausschließlich Männer, erst langsam auch Gruppen mit wenigen jungen Frauen. Diese innovativen Veranstaltungen werden mit Studierenden vorbereitet und dienen als Reallabor für das migrations- und machtsensible Unterrichten.

Außerschulische Lernorte bieten Offenheit für experimentelle Settings

Ein Beispiel ist das "Experiment Beheimatung" am außerschulischen Lernort der Stadtkirche St. Reinoldi, eine auf das Mittelalter zurückgehende, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaute Kirche. Als Ort der Kultur und der Stille ist sie noch immer das höchste Gebäude mitten in der Innenstadt Dortmunds, eine Landmarke, die früher auch der zentrale politische Versammlungsort der Stadt war. In gemeinsamen Besuchen werden die Geflüchteten, aber auch die Studierenden, die diesen Ort oft ebenfalls nicht oder kaum kennen, zunächst ganz konkret in diesen Erinnerungsort der Stadt eingeladen. Leitend sind Fragen wie: Wie lässt sich Teilhabe am vermutlich wichtigsten kulturellen Erinnerungsort der Stadt eröffnen? Welche Rolle spielen die Kenntnis und Zugänglichkeit dieses Ortes für "Beheimatung"? Welche Rolle in der Demokratie- und Menschenrechtserziehung? Wie über Religion und Werte sprechen? Wie über die Erfahrungen von Traumata und Kriegszerstörung? Welche Rolle spielen wissenschaftliche Diskurse für ein Verständnis dieses Ortes? Für die Verbindung von Theorie und Praxis in der Lehrkräftebildung werden hier bewusst keine curricular geregelten Situationen gewählt, sondern Räume, in denen größere Offenheit für experimentelle Settings besteht.

Leitend sind Fragen wie: Wie lässt sich Teilhabe am vermutlich wichtigsten kulturellen Erinnerungsort der Stadt eröffnen? Welche Rolle spielen die Kenntnis und Zugänglichkeit dieses Ortes für "Beheimatung"? Welche Rolle in der Demokratie- und Menschenrechtserziehung? Wie über Religion und Werte sprechen? Wie über die Erfahrungen von Traumata und Kriegszerstörung? Welche Rolle spielen wissenschaftliche Diskurse für ein Verständnis dieses Ortes?

Janieta Bartz, Britta Konz, Christopher Kreutchen und Barbara Welzel

Unterschiedliche Perspektiven Studierender und Lehrender im Zentrum didaktischer Überlegungen

Evaluativ begleitet werden diese ergebnisoffenen Lehrsituationen von intensiven Diskussionen in Seminaren sowie im Kreis der Lehrenden. Neben den inhaltlichen Leitfragen stehen insbesondere auch Fragen nach dem "Setting" der Lehr-Lernsituation und den vielschichtigen Lehrendenerfahrungen aus unterschiedlichen Perspektiven im Zentrum didaktischer Überlegungen: Zu beachten ist die Dimension der studentischen Lehr-Lernerfahrung, die in dem Reallabor zwar in einem pädagogisch geschützten Umfeld agieren, aber auch spontane Adaptionsleistungen vollbringen müssen. Gleichzeitig begeben sich auch die Hochschullehrenden in Lehrprozesse, in denen auch sie zu Lernenden werden und kulturelle Themen nicht nur aus einer Perspektive vermittelt werden. Auch Erfahrungs- und Professionswissen kommen immer wieder in einer Person zusammen, die nach Drolshagen zum "doppelten Experten" wird.

Rolle weltanschaulicher Vielfalt in inklusiven Bildungskontexten darstellen

Zu den wichtigsten Erfahrungen in diesen experimentellen Settings gehört, dass es gelingt, Fächer miteinander in einen Austausch und zu koordinierten Lehrveranstaltungen zu bringen, die in "klassischen" Formen der Inter- und Transdisziplinarität höchstens selten zueinander finden. Dazu gehört der Dialog zwischen Kunstgeschichte/Kunstdidaktik und der Religionspädagogik hinsichtlich der Vermittlung kulturellen Erbes in den methodischen Parametern historisch-kritischer Forschung und im Kontext religiösen, interkulturellen und interreligiösen Lernens. Gefragt wird nach der Rolle von weltanschaulicher Vielfalt in inklusiven Bildungskontexten. Damit beteiligt sich das Projekt an den Anliegen von Demokratieerziehung und Civic Education. Geleitet ist das "Experiment Beheimatung" von der Überzeugung, dass nur im Miteinander, in dem Vielfalt verkörpert wird, auch Umgang mit Vielfalt erfahren und (neu) gelernt werden kann.

Geleitet ist das "Experiment Beheimatung" von der Überzeugung, dass nur im Miteinander, in dem Vielfalt verkörpert wird, auch Umgang mit Vielfalt erfahren und (neu) gelernt werden kann.

Janieta Bartz, Britta Konz, Christopher Kreutchen und Barbara Welzel


Dr. Janieta Bartz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund. Nach ihrer Anstellung in der ersten Förderphase von DoProfiL arbeitet sie nun als assoziiertes Mitglied im Themenfeld "Kulturelle Teilhabe".
Prof. Dr. Britta Konz ist an der TU Dortmund Professorin für Religionspädagogik am Institut für evangelische Theologie, evangelische Religionspädagogik und arbeitet in DoProfiL im Themenfeld "Kulturelle Teilhabe".
Christopher Kreutchen M.Ed ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft sowie Arbeitsfeldkoordinator im Themenfeld "Kulturelle Teilhabe" von DoProfiL.
Prof. Dr. Barbara Welzel ist an der TU Dortmund Prorektorin für Diversitätsmanagement und Professorin für Kunstgeschichte. Sie hat die Co-Leitung von DoProfiL inne.