Digitalisierter Unterricht und Homeschooling – (k)eine Frage der Chancengerechtigkeit?!

Wer schwach war, wurde durch die Corona-Krise noch schwächer. Die geplanten Sommerschulen werden die Defizite der Schulschließungen kaum aufholen können. Heike Schmoll, politische Korrespondentin in Berlin und verantwortliche Bildungsredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kommentiert die aktuelle bildungspolitische Lage.

Mädchen am Laptop

© Adobe Stock/MNStudio

Ein Kommentar von Heike Schmoll

Selten hat eine Krise die Unterschiede zwischen Schulen, Schülerinnen und Schülern so offenbart wie die Corona-Pandemie. Vor allem Brennpunktschulen, die täglich zum Improvisieren gezwungen sind, rüsteten digital auf, richteten ihre eigene Lernplattform ein, weil die des Landes schon vor der Schulschließung regelmäßig zusammenbrach und taten alles, um ihre Schülerinnen und Schüler nicht allein zu lassen: vom Notdienst mehrerer Lehrkräfte in den Schulen bis zu wöchentlichen Anrufen der Schulen zuhause. Denn die meisten ihrer Schülerinnen und Schüler hatten keine digitalen Endgeräte, nicht einmal einen Drucker. Schon unter Normalbedingungen machen sie ihre Hausaufgaben nicht selten in der Badewanne, um an einem Ort der viel zu kleinen Wohnung ohne Arbeitsplatz Ruhe zu haben. Nun mussten sie mit einem Smartphone allein Arbeitsblätter ausfüllen.

Als Online-Unterricht kann man diese Notlösung nicht bezeichnen, eher als digital übermittelte Hausaufgaben. Das war allemal besser als nichts. Denn es gab auch Kinder und Jugendliche, die zwei Monate lang nichts von ihren Lehrerinnen und Lehrern hörten oder aufgrund mangelnder Lese- und Rechtschreibfähigkeiten gar nicht zur Nutzung der digitalen Möglichkeiten in der Lage waren. Das betraf vor allem Grundschulen, die teilweise nicht die E-Mail-Adressen ihrer Schülerschaft und Eltern kannten.

Bei den Gymnasien waren einige schon weit mit dem Aufbau einer Moodle-Plattform für jede Klasse mit digitalen Unterrichtsformaten fortgeschritten, vor allem private Schulen konnten ihren Unterricht vollständig in den virtuellen Klassenraum verlegen. Oft genug krankte das Online-Lernen aber daran, dass die Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler unkoordiniert mit Aufgaben überschütteten. Und schließlich gab es auch Gymnasien, die ihre eigene Untätigkeit damit rechtfertigten, dass sie keinen Glasfaseranschluss und keine eigenen Server hätten und die Lehrkräfte aus Datenschutzgründen auch nicht ihre eigenen Rechner nutzen könnten.

Unterschiede in der Ausstattung und in den Lerneffekten

Die Unterschiede in der technischen Ausstattung setzen sich fort in den Leistungsunterschieden: Schülerinnen und Schüler mit ungünstigen Lernumgebungen, ohne Eltern oder Geschwister, die ihnen einen Zeitrahmen setzten, sie zum Lernen anhielten und ihnen helfen konnten, waren verloren. Nicht wenige werden das Lernen verlernt haben und mit riesigen Lücken ins nächste Schuljahr starten. Deshalb muss es in jeder Klasse verbindliche Lernstandserhebungen geben, aus denen dann auch etwas folgt: wo sich Defizite finden, müssen die Lücken geschlossen werden und sei es mit Honorarkräften oder Lehramtsstudierenden auch samstags oder in den Sommerferien und zwar mit verpflichtenden Lehrangeboten. Es darf nicht sein, dass auch in den Schulen die sozial Schwachen und die Bildungsfernen die Krisenverlierer sind, während die bildungsnahen Eltern durch eigene Anstrengung oder Nachhilfelehrkräfte für weitreichende Unterstützung sorgen konnten.

Es darf nicht sein, dass auch in den Schulen die sozial Schwachen und die Bildungsfernen die Krisenverlierer sind, während die bildungsnahen Eltern durch eigene Anstrengung oder Nachhilfelehrer für weitreichende Unterstützung sorgen konnten.

Heike Schmoll

Das sogenannte Homeschooling während der Krise war keines, denn Homeschooling bedeutet: Verweigerung der allgemeinen Schulpflicht. In der Zeit der Schulschließung hat es sich als das vergiftete Geschenk erwiesen, was es schon immer war. Denn stärker als je zuvor ist die egalisierende und tendenziell gerechtigkeitsfördernde Funktion des öffentlichen Schulsystems hervorgetreten.

Nicht nur mangelnde Technik, sondern auch mangelndes Können

Trotz des Digitalpakts von Bund und Ländern in der Höhe von 5,5 Milliarden Euro, trotz der zusätzlichen Mittel aus dem Konjunkturpaket – 500 Millionen für Endgeräte und Administration an den Schulen – ist die schulische Digitalisierung in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern unterentwickelt. Für den plötzlichen Wechsel vom analogen Unterricht zum digitalen Klassenraum jedenfalls waren die Schulen nur in den seltensten Fällen vorbereitet.

Die fehlende technische Ausstattung war das eine, die mangelnden Fähigkeiten, sie sinnvoll einzusetzen, das andere. In einer Befragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung gaben 79 Prozent der Lehrkräfte an, während der Schulschließungen mit ihren Schülerinnen und Schülern ausschließlich per Mail zu kommunizieren, 46 Prozent mit dem Telefon, 45 mit digitalen Lern- und Arbeitsplattformen und nur 31 Prozent auf der schuleigenen Internetseite. Es fehlte an Strategien für den Fernunterricht und erst recht an Qualitätsstandards. Lehrkräftefortbildungen zum sinnvollen Einsatz digitaler Medien im Unterricht gab es kaum, oft ließ ihre Qualität zu wünschen übrig. Beim Abruf der Mittel aus dem Digitalpakt zeigt sich die ganze Ratlosigkeit: die Mittel fließen nicht, weil die pädagogischen Konzepte nicht vorliegen.

Schule als Lern- und Lebensraum ist unersetzlich

Der Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen. Denn an der Rückmeldung durch die Lehrerinnen und Lehrer hat es den Schülerinnen und Schülern gefehlt. Die Lehrkräfte hatten keinen Blickkontakt zu den Schülerinnen und Schülern, konnten nicht in ihren Gesichtern lesen. Die Leistungen waren nicht mehr zurechenbar. Die digitalen Endgeräte für die Schülerinnen und Schüler, die ihrer dringend bedürfen, werden nicht zu Beginn des kommenden Schuljahrs vorhanden sein. Auch wenn zu hoffen ist, dass das nächste Schuljahr in den Schulen stattfinden kann, werden mögliche Infektionsherde das komplementäre Online-Lernen wieder nötig machen. Darauf gilt es vorbereitet zu sein.

Wichtig wäre, an den Schulen eine IT-Administration einzusetzen, die dann mit dem Kollegium ein einheitliches Vorgehen erarbeiten, doch dafür müsste es eine attraktive Bezahlung geben. Dringend müssen die Länder die Datenschutzrichtlinien für die Schulen aktualisieren und Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern Datensicherheit gewähren. Außerdem müsste der Einsatz digitaler Medien im Unterricht regelmäßig wissenschaftlich evaluiert werden. Die bisherigen Studien sprechen nicht für einen überzeugenden Lerneffekt.

Digitalisierung kann nur im Dienste der Unterrichtsqualität stehen und sie darf nicht die Illusion nähren, dass der Präsenzunterricht in seiner Einheit von Lebens- und Lernraum, in seiner zeitlichen Taktung und in seiner egalisierenden Wirkung auch nur annähernd durch Bildschirme zu ersetzen wäre.

Heike Schmoll

Erst wenn der Einsatz digitaler Medien im Unterricht so selbstverständlich wird wie in manchen Schulen Estlands, wo Lehrerinnen und Lehrer virtuos alle zehn Minuten die Methodik je nach Inhalt wechseln, können sie wirken. Denn eines ist klar: Digitalisierung kann nur im Dienste der Unterrichtsqualität stehen und sie darf nicht die Illusion nähren, dass der Präsenzunterricht in seiner Einheit von Lebens- und Lernraum, in seiner zeitlichen Taktung und in seiner egalisierenden Wirkung auch nur annähernd durch Bildschirme zu ersetzen wäre.

  

Dr.h.c. Heike Schmoll ist politische Korrespondentin in Berlin und verantwortliche Bildungsredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.