Digitale Lücken in der Lehrkräftebildung schließen. Eine Vorstellung des Projekts "Digi_Gap" an der Goethe-Universität Frankfurt

Die Corona-Pandemie hat viele Lücken im Bereich der Digitalisierung von Schule und Unterricht offengelegt. Diese waren der Wissenschaft in ihren Grundzügen bereits zuvor bekannt, doch verschärfte die Krise die Auswirkungen der digitalen Heterogenität zwischen Schulen und Lehrkräften teilweise gravierend. Das Projekt "Digi_Gap" hat das Ziel, solche digital gaps zu analysieren und Konzepte für die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften zu entwickeln, um diese Lücken zu schließen.

Im Projekt "Digi_Gap" wird der Einsatz digitaler Technologien in Schule und Unterricht beforscht und zugleich eigene Tools und Konzepte zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung in diesem Feld entwickelt.

Im Projekt "Digi_Gap" wird der Einsatz digitaler Technologien in Schule und Unterricht beforscht und zugleich eigene Tools und Konzepte zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung in diesem Feld entwickelt.

© Goethe Universität Frankfurt

Von Johannes Appel, Claudia Burger, Ilonca Hardy und Annika Kreft

Schule muss digitaler werden – eine oftmals formulierte Forderung, die in Zeiten der Corona-Pandemie zur unausweichlichen Notwendigkeit wird. Im Zuge der Schulschließungen wurde indessen deutlich, dass die Schulen in Deutschland insgesamt nicht gut auf die Situation des Distanzlernens vorbereitet waren. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass es sehr unterschiedliche Umsetzungsformen digitaler Beschulung gibt, die zudem davon abhängig sind, inwiefern die Schulen bereits im Vorfeld Konzepte digitalen Lernens und technische Strukturen etabliert haben. Daneben zeigen sich auch Probleme auf Seiten der Schülerinnen und Schüler, insbesondere hinsichtlich der individuellen technischen Ausstattung und der damit verbundenen Erreichbarkeit. Die Corona-Krise legt damit verschiedene Lücken im Feld der Digitalisierung von Schulen offen, die in ihren Grundzügen bereits vorher aus Forschungsbefunden bekannt waren, zum Beispiel hinsichtlich der Schwierigkeit vieler Lehrkräfte, ihr Unterrichtshandeln professionell durch digitale Elemente zu ergänzen. Das Projekt "Digi_Gap – Digitale Lücken in der Lehrkräftebildung schließen" an der Goethe-Universität hat sich daher zum Ziel gesetzt, die Heterogenität unter angehenden und erfahrenen Lehrkräften im Bereich der Digitalisierung wissenschaftlich in den Blick zu nehmen und Beiträge zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung in diesem Feld zu leisten.

Die Corona-Krise legt verschiedene Lücken im Feld der Digitalisierung von Schulen offen, die in ihren Grundzügen bereits vorher aus Forschungsbefunden bekannt waren, zum Beispiel hinsichtlich der Schwierigkeit vieler Lehrkräfte, ihr Unterrichtshandeln professionell durch digitale Elemente zu ergänzen.

Johannes Appel, Claudia Burger, Ilonca Hardy und Annika Kreft

Digitale Heterogenität

Das Projekt "Digi_Gap" verfolgt das Ziel, neue Konzepte für die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften zum Einsatz digitaler Technologien im (Fach-)Unterricht zu erproben und durch die begleitende Forschung mehr über die Entwicklung digitaler Kompetenzen von angehenden und berufstätigen Lehrkräften zu erfahren. Dabei geht man von unterschiedlichen Kompetenzfacetten aus, die beim Einsatz digitaler Lerntechnologien zum Tragen kommen. So spielen persönliche Vorerfahrungen, das fachliche und didaktische Wissen sowie die Einstellungen von Lehrkräften zur Nutzung von neuen digitalen Werkzeugen im Unterricht eine Rolle. Ebenso relevant sind die (IT-)strukturellen und organisationalen Bedingungen an der jeweiligen Schule.

All dies kann im Einzelfall so unterschiedlich ausgeprägt sein, dass zwischen verschiedenen Lehrkräften und Schulstandorten eine in der Fachliteratur als digital divide bezeichnete Kluft entsteht, die wiederum zu Unterschieden in der Umsetzung digital unterstützten Lehrens führen kann. Eine über Fragen "guten Unterrichts" hinausgehende Relevanz erhalten solche Unterschiede zudem, wenn sie bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten verstärken – beispielsweise für Kinder, die zu Hause über keine angemessene technische Ausstattung verfügen oder für Kinder, deren Eltern sie beim Homeschooling nicht ausreichend unterstützen können, um etwaige Unstimmigkeiten in den Aufgabenstellungen zu kompensieren. Auch bei Schülerinnen und Schülern gibt es somit bereits eine Kluft hinsichtlich der Ausprägung von digitalen Kompetenzen und die Mehrheit der Lehrkräfte teilt die Befürchtung, dass sich soziale Ungleichheiten durch die unterschiedliche Qualität und Unterstützung bei digitalen Unterrichtsangeboten verschärfen, so auch Befunde der aktuellen Studien im Auftrag der Robert Bosch- und der Vodafone Stiftung.

Digitale Lücken in der Lehrkräftebildung

Ziel des Projekts "Digi_Gap" ist es, solche in Anlehnung an das Konzept des digital divide als digital gaps bezeichnete Lücken zu analysieren und Ansätze zu deren Überbrückung zu entwickeln. Zur Lokalisierung und wissenschaftlichen Einordnung der Lücken wird das sogenannte DOIT-Modell genutzt, welches für die Ebenen Didaktik, Organisation, Individuum und Technik steht und Ansatzpunkte für Change Prozesse bietet. Empirische Studien zeigen beispielsweise fehlende didaktische Ideen zum sinnvollen Einsatz digitaler Technologien (Was kann ich eigentlich mit dem Whiteboard in meinem Fach anfangen?) und mangelnde Unterstützung der Lehrkräfte seitens der Schule als Organisation. Auch individuelle Divergenzen zwischen verschiedenen Kompetenzbereichen sind relevant, beispielsweise im Falle hoch ausgeprägten fachdidaktischen und pädagogischen Wissens für einen potenziell lernförderlichen Einsatz digitaler Tools einerseits und persönlicher Vorbehalte gegenüber den Technologien andererseits, sowie die bereits erwähnten Unterschiede hinsichtlich der technischen Ausstattung bei allen Beteiligten.

Produktive Nutzung digitaler Heterogenität

Die verschiedenen "digitalen Lücken" werden in "Digi_Gap" nicht als rein defizitäres Phänomen betrachtet. Vielmehr werden die innerhalb einer Lerngruppe vorhandenen Kompetenzen als Ressource für eine produktive Nutzung begriffen, welche auf unterschiedlichen Erfahrungen, Motivationen und fachlichen Kompetenzen aufbaut.

Produktive Nutzung digitaler Heterogenität heißt zum Beispiel, die innerhalb einer Lerngruppe vorhandenen Kompetenzen als Ressource zu begreifen, die auf unterschiedlichen Erfahrungen, Motivationen und fachlichen Kompetenzen aufbaut.

Johannes Appel, Claudia Burger, Ilonca Hardy und Annika Kreft

In entsprechenden Ausbildungs- und Lernformaten sollen sich beispielsweise Lehramtsstudierende und erfahrene Lehrkräfte gegenseitig bei der Entwicklung von individuellen Förderangeboten unter Anwendung von Technologien unterstützen. Teams aus Lehramtsstudierenden erarbeiten im Rahmen von Seminarangeboten der Bildungswissenschaften und der Fachdidaktik digital gestützte Unterrichts- und Förderangebote, welche sie gemeinsam mit den teilnehmenden Lehrkräften im Unterricht umsetzen, reflektieren und optimieren. Konkret könnte zum Beispiel der Einsatz einer Wortschatz-App für den Englischunterricht mit Förderimpulsen angereichert und auf seine Wirksamkeit für Schülerinnen und Schüler mit geringem Vorwissen erprobt werden. Ein solcher auch als "forschendes Lernen" bezeichneter Prozess ermöglicht die zunehmende Reflexion von Unterricht unter Bezugnahme auf empirische Daten aus Beobachtungen und Erprobungen sowie relevante theoretische Konzepte. In den Teilprojekten werden zudem Diskussionsforen im Kollegium und Open Educational Ressource-Formate genutzt, um die praktische Umsetzung von Ausbildungsinhalten und deren Verbreitung im schulischen Kontext zu begleiten und einem Praxistest zu unterziehen.

Digitalisierung von Schule und Unterricht als interdisziplinäres Forschungsfeld

Aufgrund der hohen Dynamik des technologischen Fortschritts und der Vielschichtigkeit der Forschungsfragen ist das Projekt "Digi_Gap" mit fünf Teilprojekten aus insgesamt neun lehrkräftebildenden Fachbereichen der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften an der Goethe-Universität interdisziplinär angelegt. "Digi_Gap" ist strukturell mit den ebenfalls im Rahmen der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" geförderten Projekten "Level" und "The Next Level" verbunden, in denen bereits seit 2015 in einer Kombination aus fachlicher Spezifität und fächerübergreifenden Gemeinsamkeiten interdisziplinär zusammengearbeitet wird und umfangreiche Erfahrungen in der Entwicklung und Umsetzung innovativer digitaler Lehr-Lern-Formate für die verschiedenen Phasen der Lehrkräftebildung gesammelt werden konnten. "Digi_Gap" und "The Next Level" werden geleitet von Prof. Dr. Holger Horz (wissenschaftliche Gesamtprojektleitung) und Dr. Claudia Burger (operative Projektleitung).


Dr. Johannes Appel ist Projektkoordinator der Projekte "Digi_Gap" und "The Next Level" an der Akademie für Bildungsforschung und Lehrkräftebildung (ABL) der Goethe-Universität (GU).
Dr. Claudia Burger obliegt die operative Projektleitung der beiden genannten Projekte. Zudem ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Digi_Gap" für das Teilprojekt "DigiTeam" tätig.
Prof. Dr. Ilonca Hardy ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Grundschulpädagogik / Empirische Bildungsforschung an der GU, Direktorin an der ABL und Sprecherin des bildungswissenschaftlichen Fächerverbunds im Projekt "The Next Level".
Dr. Annika Kreft ist Projektkoordinatorin der beiden Projekte "Digi_Gap" und "The Next Level", Koordinatorin des Graduiertenförderungseinrichtung "GRADE Center Education" und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "The Next Level".