Chancen und Herausforderungen kultureller Lehrerbildung – Tagung an der Universität Bamberg

Geisteswissenschaften spielen in der Lehrerbildung angesichts zunehmender kultureller Heterogenität in Klassenzimmern eine herausragende Rolle. Die Potentiale und Herausforderungen einer „Kulturellen Lehrerinnen- und Lehrerbildung“ im Austausch zwischen geistes- und kulturwissenschaftlichen Fachwissenschaften und Fachdidaktiken sowie kulturbezogen forschenden Bildungswissenschaften standen daher im Mittelpunkt einer Tagung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

KLLB-Tagung Bamberg

Der Herausforderung gestellt. Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften vernetzten sich zur Verbesserung der kulturellen Lehrerinnen- und Lehrerbildung

© Ludwig Hagelstein

Von Katharina Beuter und Benjamin Bauer

Die interdisziplinär ausgerichtete Tagung, die am 14. und 15. März an der Universität Bamberg stattfand, veranschaulichte die Vielgestaltigkeit des Forschungs- und Professionalisierungsfeldes "Kulturelle Lehrerinnen- und Lehrerbildung" sowohl auf personaler wie auch auf wissenschaftlicher Ebene. Mit rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie über vierzig Beiträgen in neun thematischen Sessions, diskussionsfreudigen Foren und einer Posterausstellung präsentierte sich die Vielfalt geistes- und kulturwissenschaftlicher Fachwissenschaften und Fachdidaktiken sowie kulturbezogen forschender Bildungswissenschaften. Daran zeigte sich, dass das Anliegen einer Stärkung kultursensibler Lehrerinnen- und Lehrerbildung von einer breit aufgestellten community getragen wird, die jedoch in dieser, in der Bamberger Tagung zur Geltung kommenden Interdisziplinarität bislang kaum im Austausch gestanden hat. Insgesamt adressierte die Veranstaltung zentrale Anliegen der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" wie eine Profilierung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung an den Hochschulen, eine Auseinandersetzung mit Fragen von Heterogenität und Inklusion sowie insbesondere eine stärkere Verzahnung der Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften.

KLLB-Tagung in Bamberg

Fächerübergreifende Verständigung trotz ‚gefährlicher Mehrsprachigkeit‘ auf der Tagung für kulturelle Lehrerinnen- und Lehrerbildung

© Ludwig Hagelstein

Angesichts der Ausdifferenzierung der Fächer im Gefolge des cultural turn sei es in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung notwendig, transdisziplinäre Kooperationen anzubahnen und Potentiale aus den geschaffenen Verbindungen zu schöpfen, argumentierten Prof. Dr. Sabine Vogt und Prof. Dr. Konstantin Lindner, die beiden Sprecher von KulturPLUS, einem Teilprojekt des von der "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" geförderten Projekts WegE an der Universität Bamberg, in ihrem Eröffnungsbeitrag.

In diesem Prozess Ambiguitäten auszuhalten und das Potenzial der Geisteswissenschaften auch gegen Widerstände gesellschaftlich zu nutzen, dazu ermutigte die Literatin Nora Gomringer zu Beginn der Tagung in ihrer ausdrucksstarken Lecture-Performance: "Wir sprechen gefährlich mehrdeutig", erinnerte die Bachmann-Preisträgerin die Tagungsteilnehmenden. Insbesondere die disziplinäre "Mehrsprachigkeit" stellte eine bereichernde Herausforderung für die Kommunikation und den fächerübergreifenden Austausch zu Fragen und Lösungsansätzen einer kulturbezogenen Lehrerinnen- und Lehrerbildung dar. Die thematisch strukturierten Sessions und Foren wurden interdisziplinär getragen. Neben grundsätzlichen kulturtheoretischen Verortungen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung stand die Anbahnung eines professionellen Umgangs mit kultureller Heterogenität im Klassenzimmer als Potential, Aufgabe und Herausforderung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung im Vordergrund. Aber auch in Sessions zu kultureller Bildung an außerschulischen Lernorten, der Schule als kulturellem und enkulturierendem Ort sowie zur Praxis kulturbezogener Lehrerbildung präsentierten und diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fächerübergreifend ihre Ansätze und Forschungsergebnisse. Viele Tagungsbeiträge zeugten von einem großen Interesse an Fragen sprachlich-kultureller Bildung im Angesicht zunehmender Heterogenität in den Klassenzimmern und problematisierten zugleich die Reduktion von Kultur und Pluralität auf Migrationskontexte.

KLLB-Tagung in Bamberg

Rund 80 Teilnehmende diskutierten u.a. über den professionellen Umgang mit kultureller Heterogenität im Klassenzimmer und stellten disziplinübergreifende Ansätze und Forschungsergebnisse zur Praxis kulturbezogener Lehrerbildung vor.

© Ludwig Hagelstein

Als besonders gelungen hob der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Johannes Bilstein (Rat für kulturelle Bildung) in seiner Keynote die Spartenvielfalt der Tagung hervor. Er thematisierte in seinen Ausführungen die Problematik des Kulturbegriffs selbst: So beinhalte der Containerbegriff oft gleichzeitig Aspekte von Selektion, Abgrenzung und Diversifizierung, von Hochkultur ebenso wie von allgemeiner Lebensart und eröffne damit insbesondere für Lehrerinnen- und Lehrerbildung Spannungsfelder. Bilstein plädierte für eine neue Schärfung des Kulturbegriffs unter Fokussierung auf Intentionen kultureller Bildung, wie beispielsweise Qualifikation, Enkulturation und Bildungsgerechtigkeit, Freude und Sinn, durchaus aber auch Irritation. Wo verschiedene Modi der Welterfahrung in Austausch treten, sind Irritationen zu erwarten, die jedoch für schulische Bildungsprozesse durchaus fruchtbar gemacht werden können, was die Tagungsteilnehmenden in den zahlreichen und heterogenen Beiträgen selbst erlebten und diskutierten.

Der Literaturwissenschaftler und Fachdidaktiker Prof. Dr. Michael Kämper-van den Boogaart (Humboldt-Universität zu Berlin) betonte in seiner Keynote einmal mehr das Bildungspotenzial, das in einer Vernetzung der Disziplinen des geisteswissenschaftlichen Fächerkanons, vor allem auch im Bereich der Lehre, liege. Unter Rekurs auf die Geschichte der universitären Lehrerinnen- und Lehrerbildung charakterisierte er diesbezügliche Stärken der Geisteswissenschaften und ihre Relevanz im Rahmen von (schulischen) Bildungsprozessen.

KLLB-Tagung in Bamberg

Schule als Art der Enkulturation und Metareflexion: Abschlussplädoyer der Erziehungswissenschaftlerin und WegE-Sprecherin Prof. Dr. Annette Scheunpflug

© Ludwig Hagelstein

Zum Abschluss der Tagung verwies die Sprecherin des Bamberger WegE-Projekts Prof. Dr. Annette Scheunpflug auf die enkulturierende Aufgabe von Schule im Angesicht einer wahrgenommenen Unschärfe von Kultur. Eine metareflexive kulturbezogene Bildung von (angehenden) Lehrkräften sei vor diesem Hintergrund zwingend notwendig, um einen kompetenten Umgang mit kultureller Heterogenität anzubahnen und einem essentialistischen Verständnis von Kultur vorzubeugen. Ganz in diesem Sinne ist das Ergebnis der international besuchten Tagung der Universität Bamberg zu deuten, die durch das interdisziplinäre Ausloten verschiedener Lesarten und Geltungsbedingungen kultureller Bildung einen zentralen Beitrag zur Weiterentwicklung einer kulturellen Lehrerinnen- und Lehrerbildung initiierte.