Bildungswissenschaftliches Wissen in der Lehrerbildung auf dem Prüfstand: Das Forschungsprogramm BilWiss

Der bildungswissenschaftliche Teil des Lehramtsstudiums steht häufig aufgrund geringer Praxisrelevanz sowie inhaltlicher Beliebigkeit in der Kritik. Dennoch beschäftigen sich nur wenige empirische Studien mit diesem  Studienteil. Das Forschungsprogramm BilWiss untersuchte von 2009 bis 2019 die Entwicklung und die Erträge bildungswissenschaftlichen Wissens im Verlauf der Lehramtsausbildung. Mithilfe eines neu entwickelten standardisierten Tests konnten wichtige Erkenntnisse gewonnen werden.

Studierende; © luckybusiness/123RF.com

Im Zentrum des BilWiss-Forschungsprogramms steht die Untersuchung des bildungswissenschaftlichen Wissens als Teil der professionellen Kompetenz von (angehenden) Lehrkräften.

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Von Kristin Wolf und Mareike Kunter

Neben der fachlichen Ausbildung stellt der fachunabhängige Studienteil, die sogenannten Bildungswissenschaften, ein wichtiges Element des Lehramtsstudiums dar. Trotz kontroverser Diskussionen um den Aufbau und die Erträge der bildungswissenschaftlichen Lehre liegen bisher nur wenige empirische Studien vor, die systematisch untersuchen, welche Inhalte in diesem Studienteil relevant für den Berufsalltag von Lehrkräften sind.

Hier setzte das Forschungsprojekt "Bildungswissenschaftliches Wissen als Teil professioneller Kompetenz in der Lehramtsausbildung" (BilWiss) als Kooperationsprojekt der Goethe-Universität Frankfurt (Prof. Dr. Mareike Kunter, Koordination), der Universität Duisburg-Essen (Prof. Dr. Detlev Leutner), der Westfälischen Wilhelms-Universität (Prof. Dr. Ewald Terhart, 1. und 2. Projektphase), des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (Prof. Dr. Jürgen Baumert, 1. Projektphase) sowie der Technischen Universität München (Prof. Dr. Tina Seidel, 2. und 3. Projektphase) im Jahr 2009 an. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsprogramm untersuchte, wie sich das bildungswissenschaftliche Wissen im Verlauf des Lehramtsstudiums entwickelt und welche Bedeutung es für den späteren Berufserfolg als Lehrkraft hat.

Entwicklung eines standardisierten Tests zur Erfassung bildungswissenschaftlichen Wissens

BilWiss-Projektteam auf der Abschlusstagung an der Universität Duisburg-Essen;© Joachim Wirth

Im März 2019 stellte das  BilWiss-Projektteam auf der Abschlusstagung an der Universität Duisburg-Essen die zentralen Ergebnisse des Forschungsprogramms vor und diskutierte deren Bedeutung für die Lehrerbildungspraxis gemeinsam mit Projektbeteiligten, Förder*innen, Unterstützer*innen, sowie interessierten Vertreter*innen aus Lehrerbildung und Bildungsforschung.

© Joachim Wirth

Herzstück des Forschungsprogrammes war die Entwicklung eines standardisierten Wissenstests zur Erfassung des bildungswissenschaftlichen Wissens von angehenden Lehrkräften als Facette ihrer professionellen Kompetenz. In einem ersten Schritt ging es zunächst darum, bildungswissenschaftliche Wissensinhalte theoretisch und empirisch zu erfassen und zu systematisieren.

Mithilfe von Curriculums- und Dokumentenanalysen von Modul- und Lehrbüchern wurden relevante bildungswissenschaftliche Studieninhalte aller in Nordrhein-Westfalen an der Lehrerbildung beteiligten Hochschulen identifiziert. Diese wurden in einem zweiten Schritt von 49 Expert*innen unterschiedlicher Disziplinen aus der ersten und zweiten Phase der Lehrerbildung im Rahmen einer Delphi-Studie bezüglich ihrer Relevanz für die universitäre Lehrerbildung und den Berufsalltag als Lehrkraft beurteilt.

In drei Runden einigten sich die Expert*innen auf 104 relevante bildungswissenschaftliche Themen, die die Basis für die Testentwicklung darstellten. Insgesamt wurden mehr als 400 Testaufgaben entwickelt und in mehreren quantitativen und qualitativen Studien pilotiert, validiert und iterativ überarbeitet. In seiner überarbeiteten Version befasst sich der BilWiss-2.0-Test mit seinen sechs Inhaltsbereichen sowohl mit Themen des Unterrichts als auch Aspekten des Schulkontexts, des Bildungssystems und der Profession von Lehrkräften. Der Test liegt in einer Langversion mit 119 geschlossenen Multiple-Choice-Aufgaben zur vertieften Erfassung einzelner Inhaltsbereiche beispielsweise im Rahmen von Bildungsmonitoring oder Evaluationsstudien vor. Eine Kurzversion mit 65 Multiple-Choice-Aufgaben ermöglicht eine testökonomische Erfassung der bildungswissenschaftlichen Inhaltsbereiche auf Individualebene.

Was leistet das bildungswissenschaftliche Studium?

Anders als vielfach angenommen zeigen unsere Ergebnisse, dass es einen theoretischen Konsens über relevante bildungswissenschaftliche Inhalte im Lehramtsstudium gibt und dass auch Vertreter*innen der Schulpraxis den theoretischen bildungswissenschaftlichen Grundlagen eine hohe Relevanz zusprechen. Im universitären Alltag besteht jedoch große Heterogenität hinsichtlich des Lehrangebots einzelner Hochschulen sowie hohe Wahlfreiheit und geringe Verbindlichkeit für die Studierenden. Unsere Ergebnisse zeigen dennoch, dass sich Lehramtsabsolvent*innen unterschiedlicher Hochschulen in Nordrhein-Westfalen am Ende des Studiums insgesamt nicht signifikant in ihrem Wissen unterscheiden. Vielmehr entwickelt sich ihr bildungswissenschaftliches Wissen in Abhängigkeit von ihrer individuellen Schwerpunktsetzung im Lehramtsstudium. Fachfremde Studierende, Studienanfänger*innen und Seiteneinsteiger*innen zeigen im Vergleich signifikante Wissensnachteile.

Welche Bedeutung hat das bildungswisssenschaftliche Wissen für die Berufspraxis?

Um dieser Forschungsfrage nachzugehen, hat das Forschungsprogramm in einer Längsschnittstudie angehende Lehrkräfte von Beginn des Vorbereitungsdienstes bis zum Berufseinstieg als Lehrkraft begleitet. Die Ergebnisse zeigen empirische Zusammenhänge zwischen einzelnen Inhaltsbereichen des bildungswissenschaftlichen Wissens und Aspekten des professionellen Handelns und der professionellen Wahrnehmung (beispielsweise in den Bereichen schulische Diagnostik, schulisches Engagement oder Reflexion von Unterrichtsprozessen).

Darüber hinaus erwies sich das bildungswissenschaftliche Wissen von Lehramtsanwärter*innen als Schutzfaktor im Umgang mit Stress und emotionaler Erschöpfung im Vorbereitungsdienst. Die Daten des Forschungsprogrammes BilWiss stehen beim Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen als Scientific Use File für Sekundär- und Reanalyse zur Verfügung. Auch der neu entwickelte BilWiss-2.0-Test kann auf Anfrage von anderen Forschenden für Forschungszwecke verwendet werden.

   

Kristin Wolf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt und war von 2016 bis 2019 im BilWiss Forschungsprogramm tätig. Prof. Dr. Mareike Kunter ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt und war Projektkoordinatorin des Verbundprojektes BilWiss.